Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Ausheilungen

Klerke durch die Stecherkunft der Nanteuil,
Morin und Edelinck weitefte Verbreitung ge-
funden t>aben. So gibt die Veranftaltung in er-
weitertem Sinne ebenfalls ein vorzügliches Bild
von dem Klirken jener franzöfifchen Porträt-
ftecher unter Ludwig XIV., die das Bild ihrer
3eit unvergänglich feftgehalten haben.
Äusftellungen
(Halter G ramatte1
Der Generation mit der baumeifterlichen Ge-
finnung, die ftreng abgewogene Schwarzweiß-
flächen gegeneinander gefetzt hat, von Form-
vorftellungen ausgehend zur Verkörperung der
Vifion gedrungen ift, fcheint eine neue Jugend
zu folgen, für die das Augenerlebnis nicht mehr
das Primäre ift. Der Pendel fchwingt nach der
entgegengefe^ten Seite, die künftlerifche Senfi-
bilität wird vom Einfall befrachtet, das Chema-
tifche erzeugt die Jhm angemeffene Form. Das
Bild wird nicht aus der finnlichen Hnfchauung,
fondern aus der begrifflichen Vorftellung geboren.
Unter den jungen Künftlern, die vom Motiv
ausgehend ihre Äusdrucksform fuchen und finden,
fteht (Halter Gramatte mit an erfter Stelle. Goyas
fpukhaften Vorftellungen konnte er fid) nicht
ganz entziehen (Kapelle I 1917, ein Puppenfpiel
1918, Radierungen), doch war dies für ihn nur
ein (Imweg, um fich felbft zu finden. Etwas
Craumhaft-Unwirkliches geiftert hinter feinen
Geftalten. Lebensangft flackert in weit aufge-
riffenen Augen, in hochgefträubtem Fjaar, in
krampfhaft greifenden Fjänden. Seltfame Eiere
fchmiegen fid) fchufzfuchend, ruhebringend an
Frauen, die nicht von diefer dielt find. Irre
Augen blicken aus dem Kopf des Mannes, den
Fjäufermaffen bedrängen. — „Klarten“, ift es ein
Klarten auf Unentrinnbares, auf Schickfal oder
Cod? „Qual“, „Die große Angft“, „Das Kreifen“,
„Müdefein“, „Mit dem Selbftmord fpielen“, fo
nennt Gramatte feine Blätter. Gefütjlszuftände
finden ihre Entladung im Schaffen; hinter den
Geftalten liegt das Grauen vor dem Namen-
lofen.
Gramattes Geiftigkeit und Einfühlungskraft
gibt feinen Illuftrationen eine befondere Note.
In feinen Lithographien zu Gogols „Mantel“
(erfd)ienen als 3. Band der graphifchen Bücher
bei Guftav Kiepenheuer, Potsdam), zu Golftois
„Lebendem Leichnam“, zu Victor ßadwigers „II
Pantegan“ (erfcheint demnächft bei Axel Juncker,
Berlin) ift alles Form und Anfchauung geworden

1 Änläßlid) der Äusftellung feiner grapf)ifd)en Arbeiten
im Kunftfalon Maria Kunde, pamburg.

und kein ungelöfter ftofflicher Reft übrig ge-
blieben. Nie Illuftration im üblichen Sinn, kaum
deutet ein (dort im Buch die Situation an, aber
alles ift aus dem Geift der Dichtung geboren,
ihr fpukhaftes Element wird ins Dämonifche
gefteigert. Unheimlich geiftert das Schwarzweiß,
gefpenftifche Fjände greifen aus dem Dunkel, es
zuckt um das Licht der Laternen, ballt fich um
den Kontur der Geftalten; fjäufermaffen ftürzen
hinter der Beamtenfchar zufammen, die freud-
los und frierend ihrem Gagewerk nachgeht.
Klie ein Nachtmar liegt der Gote auf der Bahre.
Die Gegenüberftellung von Gramattes und Mark
Kallins „Mantel“ ift intereffant und auffd)luß-
reid). Kallin bleibt in feinen vielfigurigen Kom-
pofitionen ganz auf der Oberfläche, ohne daß
ihm die Dichtung zum Erlebnis geworden wäre,
für ihn fteht nichts zwifchen den 3eilen. Über
Gogol hinausgreifend hat Gramatte den ruffifchen,
Menfchen in feiner Lebensangft und Unfähigkeit,
die KIirklid)keit zu meiftern, erfaßt, Cypen ge-
fchaffen.
Das Format der fünf Lithographien zum „Le-
benden Leichnam“ (erfcheint demnächft als
Mappe im Verlag von Karl Lang, Darmftadt) ift
größer geworden. Crennend fteht die weiße
Fläche zwifchen Mann und Frau. Er entzieht
fich ihren Armen, um als Namenlofer in die
Kielt zu gehen. Verzweiflung fpricht aus ge-
duckten Linien, aus gebrochenen Silhouetten, aus
geifternden Schatten. Das letzte Blatt: der 3U~
fammengebrochene, der von Freunden geftüfzt
wird, ift fo groß gefehen, daß die Kompofition
als Mittelgruppe in Gramattes dunkelfarbiger,
fchwerblütiger „Kreuzabnahme“ wiedererftehen
konnte. Rankt fid) hier wie im „Mantel“ alles
gewiffermaßen um die Figur des „FJelden“, fo
ftehen Situationen mit verfchiedenem Schauplatz
im Mittelpunkt von „II Pantegan“. Bild reiht
fid) an Bild, hier ift alles Erfüllung geworden.
Gramattes Radiernadel arbeitet mit kühnen
lockeren Strichen, in der Lithographie weiß er
die lebten Möglichkeiten und Feinheiten heraus-
zuholen, der Fjolzfchnitt gehorcht feinem Klollen
noch nicht ganz, und doch ift fein letzter Fjolz-
fchnitt „Laufchen“ — vier Köpfe ftehen weiß
gegen fchwarz, während fich ein fünfter fchwarz
gegen weiß abhebt— von einer Gefchloffenheit
und Ruhe bei tiefftem feelifchen Ausdruck, der
neue Möglichkeiten kündet. Der „Frauenbund
zur Förderung deutfeher bildenden Kunft“ hat
das „Laufchen“ als Mitgliedsblatt erworben.
Eine Reihe von 3eichnungen von größter
Senfibilität ergänzt das Bild des Graphikers.
Gramatte droht die Gefahr des Blutlofen, der
Überfeinerung; es ift kein 3afall, daß bei diefer

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