Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Äusftellungen

Von Künftlern und Gelehrten

Neben diefenDingen, die gleichfam der Seitent-
wicklung voranfd)reiten, wird zur3eit in Mannheim
die „alte“ moderne Kunft gehegt durd) eine Neuauf-
hängung der Klerke Noldes, 5e<±els, Beckmanns,
Babbergers ufw., bei der der Verfuch gemacht ift,
die Gemälde in vornehm großen Abftänden auf
ftarke Farben zu hängen, die durch einfachen
Leimfarbenanftrich der Klände erzielt werden.
München C-
G0II3 zeigt gegenwärtig Gemälde und Graphik
des Fjolfteiners Heinrich Ehmfen, der vor
fünfzehn Jahren in Düffeldorf von Ehmcke und
Behrens ausging und dann van Gogh, Nolde,
Chagall, Kokofchka und vor allem Chorn Prik-
kers Glasmalerei in [ich aufnahm. Vier Jahre
ftand er an der Front und dies Erlebnis wirkt
als entfcheidender, nicht nur gegenftändlicher
Impuls in feinen neuen Bildern, in ihrer verifti-
fchen Mifdjung von Naturalismus und Pathos,
Maffe und feelifcher Differenzierung, Brutalität
und 3artheit.
Richard Seewald zeigt bei Channhaufer
eine Änzahl Bilder, Ergebniffe eines italienifchen
Sommers. Die Bemühung geht (von der unge-
brochenen Buntheit früherer Bilder weg) zu ma-
lerifcher Bindung, toniger Abftimmung. Ein illu-
ftrierter Auffat^ von Fjaufenftein wird demnächft
ausführlich über den Künftler berichten.
Die Galerie Qeinemann bringt einen feinen
und füllen, zu önrecht faft vergeffenen Münchener
Maler aus der zweiten Hälfte des Jahrhunderts
zu verdienter Geltung: Ludwig FJofelich.
77T- Kurt Pfifter.
Cüiesbaden 1 1
Der Naffauifche Kunftverein bringt in
feiner Novemberausftellung junge Kunft vom
Niederrhein, dazu Klerke einiger älterer Meifter,
insgefamt 200 Nummern. Mit bemerkenswerter
Stärke treten aus der Fülle des Gebotenen Nauen,
Burcharts, die drei Sohn-Rethel und der
Kleftfale Schulze-Sölde hervor. Eine archi-
tektonifche Memento-mori-Expreffion des lejj-
teren und ein Ecce-homo-Kopf von Otto Sohn-
Rethel hinterlaffen die beiden nachhaltigften Ein-
drücke der Ausftellung. Im Porträt find neben
BurchartsNantke und Kaufmann zu beachten.
L. ten Fjompel geF)t mit fympathifcher Eigen-
note in den Bahnen Marcs. Menfe intereffiert
in einer KIeihnad)tsphantafie als Symbolift,
Pfeifer-tüatenphul durch das konkrete Er-
faffen der Stillebenmaterie, Klaetjen, ein rhei-
nijcher Lautrec, durch den flotten Humor jn der
Perfiflage des Lafterlebens. In der Plaftik ift
Lammert gut, Fjoetger unzulänglich vertreten;
Fjensler verliert fich neuerdings leider ftark in
Manier. et).

Von Künftlern und Gelehrten
Max Kraufe +
Am 13. November ftarb in Berlin der Bild-
hauer Max Kraufe. Der zartefte und liebe-
ftärkfte Künftler unter unferen Bildhauern, der
feine, kindlich gütige Menfch ftarb in einem
furchtbaren Anfall von Gobfucht. Sein Kiefen
war Reinheit, feine Kunft war Reinheit. In feinem
ftarken breiten Körper war die Seele eines felig
fchwebenden unfdjuldigen Vogels und feine
mächtigen und doch fo milden Hände fchloffen
fich beim Gruß um unfere Hand wie ein Vogel-
neft um ein Junges. Es gehörte ihm die Liebe.
Max Kraufe war nicht von jenen Bildhauern,
die in Gon modellieren und die das Conmodell
von fremder ßand in den Stein mechanifch über-
tragen laffen. Er war Handwerker, Steinmetz —
er war Künftler. Das Klerk war Auszahlung
feines Geiftes und Arbeit feiner bände.
Suchen wir unter dem, was heute an Bild-
hauerarbeiten geleiflet wird, nach Dingen, die
ohne Manier, ohne Grick und ohne Schema
Geiftes werte find, fo finden wir unter Max
Kraufes Arbeiten nicht viel.
Er wollte in diefen Gagen nach Kleimar über-
fiedeln, wo er als Lehrer-Steinmejj am Staat-
lichen Bauhaus wirken follte.
Seine große Befcßeidenheit hinderte ihn, fich
„fichtbar“ zu machen. Klenige wiffen je^t, was
wir an feinen Bauplaftiken (Sparkaffe Charlotten-
burg) und an feinen kleinen Figuren (Erhebung,
Hunger, Geburt) für einen köftlichen Schaft be-
fijsen. Aber fein Klirken hat ja nicht aufgehört.
Seine Arbeiten find und werden wirkfam bleiben
als Beifpiele reiner Hingabe an die Kunft. (Klir
werden über Max Kraufe in Kürze einen illu-
ftrierten Auffalj bringen, der bereits feit längerer
3eit in Vorbereitung ift.) Adolf Behne.
Dr. Klalter Müller - GQulkow in Frank-
furt a. M. ift foeben zum Direktor des Olden-
burgifchenLandesmufeums ernannt worden.
Diefe Klahl wird in den Kreifen der deutfdjen
Kunftfreunde allgemeine3uftimmung finden. Auf-
gabe des neuen Direktors wird es fein, vor allem
den gefamten oldenburgifchen Kunftbefi^ neu
zu ordnen und feine Übertragung und Auf-
teilung in das Anton Güntherfche Schloß zu
leiten, deffen bauliche Inftandfe^ung fogleich in
Angriff genommen wird. — J. Chorn-Prikker
ift foeben vom bayrifchen Kultusminifterium als
Leiter der Klaffe für Glasmalerei an die Kunft-
gewerbefchule zu München berufen worden.—
Der Kunfthiftoriker Dr. Berthold Daun, bis-
her Privatdozent an der Gechnifchen Hochfchule
zu Braunfchweig, ift vom Minifterium des Innern

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