Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Ausheilungen — Neue Bücher

langen Kriegen erfd)öpft und [o war Sparfam-
keit und Vereinfachung vor allem notwendig.
Die faubere Durchführung diefer 3eid)nungen
verdient befondere Erwähnung; fetjr korrekt ift
das alles, maßvoll, manchmal freilich etwas
trocken. Am meiften intereffiert hier der han-
noverfche Baumeifter Laves, der ohne Frage der
großzügigfte von allen war. Von dem Braun-
fchweiger Peter Johann Krähe werden viele
Blätter gezeigt; man erkennt dabei, es war fo
recht die Kunft des großen Portals das Charak-
teriftifche an den fonft einfachen Bauten.
Die moderne Abteilung zeigt keineswegs einen
fo einheitlich gerichteten Bauwillen. f)ier grenzt
jede Perfönlichkeit fich merkbar gegen die andere
ab, ganz verfchiedene 3iele und Tendenzen treten
dabei in Erfdjeinung. 3u diefer Abteilung hat
Oberbaudirektor Fri§ Schumacher aus Hamburg
einige Bebauungspläne gefandt, Stadtbaurat Fjahn
und Stadtbaurat 3opff zeigen ihre ftadtbaulichen
Arbeiten ans den aufftrebenden StädtenRüftringen
und Wilhelmshaven. Architekt Stoffregen hat
aus Bremen eine umfangreiche und befonders
reizvolle Sammlung zur Verfügung geftellt und
Leberecht Migge bringt zahlreiche Pläne und
Studien für Parkanlagen und wirtfchaftliche Sied-
lungen. Den größten ümfang nehmen die Arbeiten
der ftadthannoverfchen Architekten ein, und hier
verdienen vor allem die großzügigen Modelle
und Pläne des Stadtbaurats Paul Wolf in Han-
nover eine befondere Beachtung. Die Ausftellung
bietet Gelegenheit, die umfangreichen Pläne von
Wolf, darunter auch eine große 3ahl feiner früheren
ausgeführten Arbeiten, kennenzulernen.
Wittmann.
Eine Sd)weizerifd)e Kunftausftel-
lung in Hmerika
Die Schweiz. Verkehrszentrale wird im Jahre
1921 in den Vereinigten Staaten eine wandernde
Schweizer Kunftfchau veranftalten, die eine retro-
fpektive Abteilung mit fünfzig Arbeiten und
eine den lebenden Künftlern gewidmete Ab-
teilung mit hundertfünfzig Werken umfaffen foll.
Die Ausftellung, die mit ünterftütjung des Bundes
gefchaffen wird und unter dem Protektorat des
Schweizer Gefandten in Wafhington fteht, foll
im Januar 1921 in Brooklin-New York eröffnet
werden und fodann ihre Reife durch) die größten
Städte der Vereinigten Staaten antreten. i.
Brüffel
Im Königlichen Mufeum ift kürzlich eine
Ausftellung alter Niederländer eröffnet worden,
in deren Mittelpunkt der nunmehr wieder voll-
ftändige Genter Altar der Brüder Hubert und
Jan van Eyck fowie das große Altarwerk des

Dirk Bouts ftehen. Außer fonftigen Werken
diefer 3eit aus öffentlichen belgifchen Samm-
lungen pnd viele Arbeiten der altniederländifchen
Kunft aus Privatbefilj zufammengebracht worden.
Die Organifation der Ausftellung lag in den
Händen Deftrees, des bekannten Forfchers und
derzeitigen belgifchen Kunftminifters. (Vgl. hierzu
die Notiz unter „Kunftpolitik“.)
Krefeld
Im ftädtifchen Kaifer-Wilhelm-Mufeum hat
Direktor Deneken eine Ausftellung alter Meifter
aus Krefelder Privatbefitj vereinigt, die unter
einem Allzuviel des Gleichgültigen und Ent-
behrlichen einige vorzügliche Proben nieder-
ländifcher und vlämifcher Kunft enthält. Diefe
würdigt Walter Cohen in bekannter Tiefgründig-
keit in einem Bericht der „Kunftchronik“ Nr. 46.
Hier ift auch das intereffante Triptychon „Der
verlorene Sohn“ aus der Antwerpener Schule
von 1526 abgebildet, das früher im Befitj von
Georg Reimer-Berlin war und das Cohen als
Arbeit aus der Werkftatt des Quinten Maffys
(Gooffen van der Wey den?) anfpricht. Den Ka-
talog der Ausftellung hat die Affiftentin des
Mufeums Dr. Vita von Leires verfaßt.
Neue Bücher
Cljantelou und Cavaliere Bernini
Es gibt Bücher, die man — einmal gelefen —
nie wieder vergißt, fehr im Gegenfafe zu anderen,
von denen feiten mehr etwas haften bleibt als
der Titel. Den fogenannten wiffenfchaftlichen
Büchern fehlt bei uns in den meiften Fällen die
Anziehungskraft im Geiftigen. Man arbeitet eine
Materie durch und ift glücklich, fie beendet zu
haben. Dem Forfcher fehlt zumeift die höhere
Intuition, d. h- die Begabung, auch einen fpröden
Stoff von innen heraus zu durchleuchten, ihm
künftlerifch eine adäquate Form zu geben. Das
ift doppelt fchmerzlich, wenn es fich um Dinge
handelt, die die Kunft felbft oder ihre Gefchichte
angehen. Nur ganz wenige Schriftfteller auf diefem
Gebiete find Künftler des Wortes, verfügen über
die fuggeftive Plaftizität und die Lebendigkeit
eines Stiles, der wie von felbft in den Bann zwingt.
Der Vorzug fachlicher Diktion ift feiten ein Äqui-
valent für den Mangel im rein Künftlerifchen. Von
der Gefchichtsfchreibung aber gilt mehr noch als
von anderen Gebieten wiffenfchaftlicher Forfchung
das alte Wort, daß nur der über Vergangenheit
wirklich fchreiben kann, dem fich intuitiv diefe
Vergangenheit felbft zum eigenen künftlerifchen
Erlebnis geftaltet. — Im Gegenfah zu all den
Büchern aus dritter Hand hat die Memoiren-

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