Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Von THEODOR DÄÜBLER
Mit 6 Abbildungen

Neue ft e Kunft in Italien

Unter den modernen Künftlern Deutfcßlands wird jefst immer wieder die Frage er-
örtert: was ßat das Ausland während des Krieges gemacht? Cüie fteßt es vor
allem in Frankreich)? Das einzige, was man bisher immer wieder, befonders über
die Schweiz, zu ßören bekam, läßt fiel) woßl folgendermaßen zufammenfaffen: man
wird wieder rußiger! Ja, man glaube ans ünmöglicßfte: Picaffo malt wie Ingres! tüie
fiel) das alles verßält, ift woßl bis jeßt noch) nießt ganz klar geworden: jedenfalls kann
icß leider darüber noeß nießt berießten; woßl aber find uns italienifcße 3eitfcßriften zu-
gegangen, aus denen fieß feßon vieles über die Kunft unfrer Gage in Rom entneßmen
läßt. Vor dem Kriege waren die ^2n\.x2n künftlerifcßen Lebens auf der Fjalbinfel vor
allem Florenz und Mailand, erft an dritter Stelle kam Rom. ßeute ift aber die
Doppelßauptftadt, das Rom der Päpfte und des Königs aueß die Stadt der aufblüßenden
Kunft geworden. Dort erfeßeint ebenfalls die angefeßenfte moderne Kunftzeitfcßrift
Italiens „Valori Plastici“. Aus den Auffätjen der Kunftfcßriftfteller, die ßäufig felbft
Maler find, geßt ßervor, daß fieß der Futurismus feßr gemäßigt ßat, ja teilweife gar
keine auflöfende, daßerftürmende, fondern eine Formen neu feßauende, begründende
Ricßtung geworden ift. Vom Impreffionismus will man je^t feßon gar nießts meßr
wiffen. In einem Auffaß feßreibt Giorgio de Cßirico: Die Italiener und Deutfcßen
find die Völker, die dem Impreffionismus am fernften fteßen: er ift eine franzößfeße
Angelegenßeit! Das junge Italien will fieß überßaupt von der großen Gradition Frank-
reießs der leßten Jaßrßunderte losmaeßen und an die noeß größere eigene, die aller-
dings als Blüte weiter zurückliegt, anfeßließen. Dabei wird auf Cezanne, der tat-
fäcßlicß aus Cefena in der Romagna ftammt, irgendwie Anfprucß erßoben und ebenfo
Picaffo, als Soßn einer ligurifeßen Mutter, und jedenfalls als Spanier gegen Paris
ins Greffen gefüßrt. Cezanne und Picaffo gelten aber gerade für die entfeßeidenden
Überwinder des Impreffionismus! Eine Beurteilung der Malerei diefer italienifcßen
Künftler ift naeß den Reproduktionen einer 3eitfcßrift unmöglicß. Immerßin darf man
jedoeß fagen: da wird ßöcßft Bemerkenswertes angeftrebt und verfueßt. Befonders
dort, wo icß von früßerßer weiß, daß es fieß um koloriftifcß feinbegabte Künftler
ßandelt, kann icß mir woßl vorftellen, daß in Rom jeßt wirkließ etwas geleiftet wird!
Ardengo Soffici, der Florentiner Futurift, malt nun Stilleben in breiter, frei an-
gelegter Rßytßmik. Bloß der Konftruktion des Bildes eingeordnet, oßne die mindefte
Konzeffion an Natürlicßkeit, fteßen Gegenftände kontrapunktlicß zueinander. Dabei
feßeint feine Malweife, noeß etwas impreffioniftifcß-ßaucßßaft, zur leifen Melodik der
Kompofition zu paffen.
Aucß der römifeße Bildßauer Roberto Melli, der woßl feit ägyptifeßer ^2\t zum
erftenmal mit Scßattenwirkungen dureß Einkerbung, wie er es nennt „negativen
Valeurs“ feßöpft, fteßt dem Impreffionismus eines Medardo Roffo noeß nießt ganz
fern. Freiließ ift er bereits feßr feft und arcßitektonifcß geworden; aber feßon ein
Motiv wie „Dame mit Gut“ erinnert beifpielsweife an den italienifcßen Vorläufer
Rodins. Aucß Mellis Daumengriff ins Plaftelin ift erßärteter Impreffionismus. Ebenfo
gelingt ißm noeß Sonneneffekte in der Bildßauerei, wie fie vor ißm, allerdings auf feßr
verfeßiedene GCIeife, Freilicßtbildßauer zu erreießen traeßteten. Bei allen andern Italienern,
diefer Gruppe der Jüngften, ift der Impreffionismus vollkommen aufgefogen: oft fcßillert
er woßl noeß (fo entneßme icß aus Erzäßlungen) als perlmutternde Farbe dureß Bilder,

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Der Cicerone, XII. Jahrg., Heft 9

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