Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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3u einem Selbftbildnis von Edvard Mund)

Von WILHELM FRAENGER

Mit einer Abbildung auf einer Tafel

in kaßler Raum deßnt weithin feine Öde. Der Mann [ifet vorgefcßoben dicßt am


Raßmenrand. Im Umriß eines fpitjen Dreiecks aufgericßtet, das naße an der

J—4 oberen Leifte giebelt. Seine Geftalt ift durcß zwei Uifcße und ein Mauergeländer
umftellt. Deren Formen umranden den Mann, docß fie umbauen ißn nicßt.
Sie geßen an ißm vorbei zum Hintergrund, in rafcßer Flucßt der optifcßen Verkürzung,
an deren Raum-Maß er nicßt Änteil ßat.
Da diefe Feftftellung zur tiefen 3elle der raumgeftaltenden Dialektik diefes Künftlers
dringt, ift fie ßier näßer zu begründen: Die eigentümlicße Spannung in den Bild-
gefügen Edvard Muncßs wird durcß den paradoxen Griff des Malers ßergeftellt, feine
Kompofition, d. ß. die Formen-Bindung, durcß Scßlicß und Mittel der Diffo-
ziation, d. ß. der Form-Entfremdung zu erwirken. Rias find im einzelnen die
Mittel, durcß welcße Edvard Muncß die Form entzweit? önd weiterßin: Mit welcßen
Griffen fcßafft er aus der entzweiten Form die Einßeit des gefamten Bildgefüges?
In jäßer Verkürzung ftoßen die Flucßtlinien von Cifcß und Baluftrade in den Raum,
keilförmig von den Rändern tiefwärts drängend.
Die Heftigkeit diefes Bewegungs-Auftriebs bleibt in dem Bilde oßne gleicßartigen
Gegenwert: Der ungedeckte, ungefcßloffene Raum der Freiterraffe geftattet keine per-
fpektivifcße Korrefpondenz zum Hnftieg jener unteren Raumfaktoren: Den Nieder-
drang einer oberen Deckenflucßt. Die innere Statik des Gemäldes fcßeint da-
durcß gefäßrdet.
Die Gegenprobe ift feßr leicßt zu macßen: Ergänzt man das Gemälde in dem Sinn,
daß links ein tUandprofil und oben eine Deckenfläcße ficßtbar wird, fo löft ficß die
Ungleicßgewicßtigkeit ßarmonifcß auf. Das Bild gewinnt Standfeftigkeit und Fülle.
Muncß will das nicßt, daß ficß der Raum kraft feiner eignen Elemente felber baue,
zu einer Form der Unentrinnbarkeit. Er will kein Äbfolutes über ficß, in deffen Hier-
arcßie er ficß zu fügen ßätte.
Das trennt ißn von der neuen Formgcfinnung, die zu der Bindung im Gefetje ftrebt.
Docß gleicßerart vermeidet Edvard Muncß die Änarcßie der Raumanfcßauung
des Impreffionismus. Sie läßt den Raum nur als gerüftlofes Fragment, und nur
als 3ufallsausfcßnitt gelten.
Der Raum lebt ißr als Licßt-Verwobenßeit. Die menfcßlicße Geftalt, eintretend in
den Licßtbereicß des Raumes, wird aufgefogen von der Helligkeit, und ausgelöfcßt als
Eigenwert und -wille.
Die relativiftifcße Etßik des Impreffionismus füßrt zur Entwertung des cßarakterßaften
Dafeins. Äbfeits der Hierarcßie des ftarr gefegten Raumes, deffen überperfönlicß
gültigem Syftem die menfcßlicße Figur ficß dienend einreißt — abfeits der Änarcßien
einer Kunft, die in dem Raum nur nocß rinnendes GCIirrfal fießt, und Menfcß und
Raum zu unperfönlicßer Einung zufammenfaßt, verfucßt es Edvard Muncß, eine
Cyrannis eigener Form zu bilden.
Muncß will den Raum. Hartnäckig baut er ißn. Dod) nur aus einem Grund: Um
ficß dem Raum zu widerfetjen.
Älfo: Er fucßt nicßt das Gefetj und das Gefeßlofe meidet er. Jedocß er begeßrt
das Gefeßwidrige. Dem eignen Icß foll das Gefet} ficß beugen.

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