Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Die 3^it und der Markt

Kun ft politik
Vom kunftgefd)id)tlid)en ünterricfyt1
Eugen Lüthgen, Jurift und Kunfthiftoriker,
Privatdozent an der üniverfität Bonn, beklagt
in feiner Brofchüre die Einteilung des heutigen,
kunftgefd)id)tlicben Fjochfchulunterrichts auf phi-
lologifcb"literarifdbe Probleme, wie auch ein
Spezialiftentum, das die großen, formgefcßicßt-
lichen 3ufamment)änge, wie pe in den Klerken
eines Klölfflin, Riegl, Klickhoff, Dvorak nieder-
gelegt find, verdeckt. DerVerfaffer erftrebt eine
Schulung zur vergleichenden Kunftbetracßtung,
verwirft aber die naturwiffenfchaftliche Methode,
in der nur „äußerliche Ähnlichkeiten, Hbhängig-
keiten, Beziehungen irgend beliebiger aus dem
3ufammenhang herausgeriffener Einzelformen“
feftgeftellt werden.
Lüthgen gibt an, daß im Klinterfemefter 1914/15
an deutfchen Univerfitäten wöchentlich etwa
130 Stunden Kunftgefd)id)te gelefen wurden, in
denen nur 14 Ehernen teils die Kunftform oder die
Entwicklungsgefchichte von Kunftformen betrafen.
Sollte es nicht inzwifchen im Klinterfemefter
1919/20 beffer geworden fein? Äuch befchränke
fid), wie jede Statiftik der kunftgefd)id)tlichen
Vorlefungen der lebten Jahrzehnte erweife, die
akademifche Forfchung fehr mit ünrecht auf fünf
Jahrhunderte, von der romanifchen Kunft bis zum
Barode. Lüthgen beklagt, daß infolge einmal herr-
fchender Überlieferung die altchriftliche Kunft, die
ein Grenzgebiet zwifchen Ärchäologie und Kunft-
wiffenfeßaft darftellt, von beiden Kliffenfchaften
vernachläffigt wird, daß Fragen der „Form-
entwicklung, ^Handlung und Raffenmerkmale“
bis jetjt von beiden kaum geftellt, viel weniger
gelöft worden find. In das Lob auf Jofef Strzy-
gowfki in Klien, der im Änfchluß an das kunft-
gefd)id)tliche Seminar der Kliener üniverfität
einen großartigen, kunftgefchichtlicßen Äpparat
zur Erforfchung des Oftens und feine Ein-
beziehung in den Gefamtkomplex der Kunft an-
gelegt hat, wird derjenige gerne einftimmen, der
die Klerke diefer Sammlung einmal befid)tigte.
Durch Strzygowfkis Erfdtießung fernfter Kultur-
kreife wurde der Bann der Einteilung auf das
Schönheitsideal der Äntike und der Renaiffance
gebrochen.
Von Lüthgens Reformvorfchlägen fcheinen uns
folgende einer Berückfidbtigung wert zu fein:
Schulung des Huges möglichft vor Originalen,
1 Eugen Lütt) gen, Die Hufgaben der Kunft und des
kunftgefd)ict)tlict)en F)od)fct)ulunterrid)ts. Reformvorfd)läge.
Kurt Stfjroeder, Verlag, Bonn und Leipzig 1919.

Erklärung der Gefeljmäßigkeit der künftlerifdjen
Kompofition an ausgefuchten Kunftwerken, vor
allem organifdjerer 3ufammenfchluß von Vor-
lefung und Seminarübung, kunfthiftorifches Prak-
tikum in einer öffentlichen Sammlung oder, wo
das nicht möglich erfcheint, in den Kirchen,
vor Kirchenfcfjäljen oder profanen Bauwerken.
Fjingegen ift die genaue Feftlegung der Fjilfs-
wiffenfdjaften, die Lüthgen vornimmt, wie Kir-
chengefchichte, Dogmatik, Symbolik, Ikonogra-
phie, Staaten- und Kulturgefchichte, lateinifche
und mittelalterliche Infchriftenkunde, Quellen-
kunde zur Gefchidjte, Epigraphik, Paläographie,
Literaturgeschichte und der Nachweis der Teil-
nahme an Übungen über Quellenkunde, Hrd)äo-
logie und Paläographie zu weitgehend und zu
pedantifch. Klicfjtiger bleibt wohl, wie Klölfflin
es fordert, die Beteiligung an einem Kurfus
im 3eict)nen.
ünd im übrigen: Kunftgefühl pßt oft in den
Fingerfpitjen. Die befte, formal-äfthetifche ünter-
weifung nütjt nichts, wenn fie nicht auf von der
Natur vorgebildete Sinne trifft. Daher gibt es
viele kunfthiftorifche Gelehrte unter den Studierten,
aber wenig künftlerifche Menfchen.
Safcha Schwabacher.
Sammlungen
Der Äusverkauf in der Fjamburger
Kunft b) alle
Die Fjamtmrger Preffe ift zum Ceil fehr erregt,
daß kürzlich aus dem Beftand der Kunfthalle
etwa 500 Bilder für die Summe von rund
400000 Mark unter der band an einen deutfchen
Kunfthändler verkauft worden find. Denn, fo
heißt es, die Bilder feien zum Eeil fehr viel
mehr Klert gewefen als die Eaxe des Direktors
errechnet habe und deshalb verurteilt man das
Vorgehen der verantwortlichen Inftanz, die den
Kreis der Angebote fcheinbar viel zu eng be-
meffen habe.
Grundfäßlid) ift zu diefem Fall zu bemerken,
daß man es heute nur begrüßen kann, wenn
unfere öffentlichen Sammlungen allgemein von
dem Ballaft jener Klerke, die einmal durch 3ufall
oder Stiftung in einer 3eit minderen Gefchmackes
in den Befitj der Mufeen kamen, endlich befreit
werden. Auch ift es in jedem Falle zu begrüßen,
daß die bei einem derartigen Verkauf erzielte
Summe in erfter Linie der lebendigen Kunft zu-
geführt wird. Der Direktor eines Mufeums hat
immer, wenn er kein troftlofer Banaufe ift, genug
3eitgewiffen in ßch. um die leßte Verantwortung

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