Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Sammlungen — Ausheilungen

Sammlungen
Jahresberichte
Das Mufeum vaterlän difcber Alter-
tümer in Stuttgart verfendet foeben feinen
reich illuftrierten Bericht über die Tätigkeit im
Jahre 1919, das auf allen Gebieten einen reichen
3uwacbs an bedeutfamen Klerken, und bezüg-
lich der Äufftellung febr wefentlicbe Neuerungen
brachte. Uber die arcbäologifcbe Abteilung und
die Münz- und Medaillen-Sammlung. referiert
der bisherige Direktor Prof. Goeffler, über die
Erwerbungen auf dem Gebiet der mittelalter-
lichen und neuen Kunft berichtet febr ein-
gehend und tiefgründig der Affiftent der Samm-
lung F). Cbrift.
Das Städtifcbe Mufeum in Elberfeld hat kürz-
lich den Jahresbericht fürl919/20verfandt, der troß
der traurigen Finanzlage eine Anzahl wichtiger
Neuerwerbungen verzeichnet. Für die Abteilung
der modernen Kunft bewies ficb auch in dem ab-
gelaufenen 3eitraum der Baron von derFJeydt
als treuer Mäzen diefer Sammlung. Als Erfaß
für den noch nicht vorhandenen Gefamtkatalog
desMufeums hat Direktor F. Fries kleine Führer
mit Illuftrationen durch einige Säle herausgegeben.
So einen über den Saal mit merken des FJans
von Marees und einen zweiten über die ältere
Münchner Landfd)afterfd)ule. Klerden diefe
Sonderausgaben fortgefeßt, fo wird auf diefe
Kleife eines Cages von felbft der Mufeums-
katalog komplett vorliegen.
Äusftellungen
Münchner Kun ft aus Teilungen
Die drei großen Münchner Künftlerverbände —
Sezeffion, Künftlergenoffenfcbaft, Neue Sezeffion
— ftellen in diefem Jahr zum erftenmal gemeinfam
im Glaspalaft aus. Die Gefamtfcbau wirkt in-
fofern in einigen Keilen intereffanter, wenn-
gleich das fcblecbterdings groteske quantitative
Ausmaß — es handelt fiel) um mehr als 2500 Ge-
mälde, Graphiken, Plaftiken — die Klürdigung
des einzelnen Objektes überaus erfebwert.
Die Neue Sezeffion vereinigt nach wie vor
die entfebeidenden jüngeren künftlerifcben Kräfte
der Stadt. Sieck und Jagerspacher find aus dem
Verband ausgefeßieden. Einige andere Künftler,
unter ihnen der begabte Bildhauer Friß Claus,
ftellen als Gäfte aus. Von Auswärtigen find
Kokofchka (ein frühes Porträt), Pecbftein (Süd-
feebilder), Albiker, Al)lers-F)eftermann, Jawlenfky,
Menfe, Oskar Lange, Pellegrini, Klerefkin und
Lehmbruck (mit einer Reihe Plaftiken) vertreten.

Dazu kommen (als Leihgaben aus privatem Beßß)
kleine entzückende Stücke von Pascin und James
Enfor. Die Arbeiten der im Mittelpunkt hebenden
Münchner Caspar, Caspar-Filfer, Unold, Seewald,
Klee, Erbslöb, Fjeß, Püttner, Scharff, Beeß.Coefter,
Kanoldt, Großmann — die drei lebten find mit
größeren Kollektionen vertreten — bringen keine
überrafeßende Kiendung. Aber dies ift ja auch
wohl nicht der Sinn des Ausftellungsbetriebes,
daß er jährlich eine oder ein Duzend Senfationen
auf den Markt wirft. Die gegenwärtige Situation
verpflichtet zu ßeßerer und zielbewußter Arbeit,
wie pe hier geleiftet wird, die fcbwieriger ift als
die immer ein neues Stinulans beiphende Gefte.
Die Ausftellung der Künftlergenoffenfcbaft
bleibt durchweg eine Angelegenheit akademifeber
Cradition. Die fogenannte „Freie Ausftellung“
variiert vielfach expreffioniftifebe Dogmen. Das
Geficbt der Sezeffion ift bekanntlich feit langem
vorwiegend konfervativ gerichtet. Manche der
bekannten Mitglieder wie (der inzwifeßen verftor-
bene) Albert v. Keller, Stuck fehlen. Arbeiten
wie die von Bürgers, Butterfack, Fjermann Fjaßn
behaupten fid). Von weniger bekannten Namen
wären etwa anzumerken: Landfcbaften von
Lothar Becbftein und E. A. Kleber, weibliches
Bildnis von Albert Gartmann, Arbeiten von Rofa
Prevot, Albert Scbellerer, Jofef Kutter.
Cbannbaufer bringt gediegene tonige Ma-
lereien von F)ans Gott. Golß Gemälde Jaw-
lenfky s und des Genfer Charles Fjofer, der
Cezannes Farbigkeit zur Grifaille dämpft. Cas-
pari eine Kollektion des Bildnismalers Jagers-
pacber.
Von befonderem Intereffe — auch für die
Kunftwiffenfcbaft — ift die Ausftellung der Galerie
ßeinemann „Münchner Malerei um 1800“.
Aus öffentlichem und privatem Befiß ift eine
große Anzahl wichtiger und ausgezeichneter
Arbeiten zufammengebraebt worden. 3umal der
alte und junge Dillis, Edlinger, der junge Dorner,
Klagenbauer, Ferdinand, Franz und Klilbelm
v. Kobell, Klarnberger, find vortrefflich vertreten.
Die Jabrbundertausftellung von 1906 erhält in
ihrem füddeutfeben Keil eine in vielem ent-
febeidende Bereicherung und Ergänzung. Für
die gefamte deutfebe Kunftentwicklung im frühen
neunzehnten Jahrhundert wird man die Leiftungen
des Bildnismalers Edlinger, derLandfcbafterDillis,
Dorner und vor allem Klilbelm v. Kobell’s weit
nachdrücklicher, als das bisher gefebab, beachten
müffen.1 Kurt Pfifter.
1 3u diefer Äusftellung bat die Galerie Ijeinemann einen
mit 65 Äbbildungstafeln ausgeftatteten, febr fcbönen Ka-
talog berausgebrad)t, dem Ädolf Feulner eine tief-
gründige Einleitung beigegeben bat. (Änm. d. Sdjriftltg.)

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