Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Von OTTO FLAKE

Über abftrakte Kunft

Vortrag im Züricher Kunsthaus anläßlich der ersten Ausstellung abstrakter Künstler
(Lüthy, Giacometti, Arp, Janco, Picabia, Fr. Baumann u. a.), ein Beitrag zum Problem
der Ungegenständlichkeit — nicht mehr als Beitrag, keine Fanfare, die andre blasen
mögen. Ich bin durchdrungen von der Zeitlichkeit aller Methoden und Stile, aber eben
darum darf ich für die Berechtigung eines neuen Lösungsversuchs eintreten. F.

s gibt heute niemand, der nicht ein Impreffioniftenbild verftände. Bedenkt man,


daß noch vor 40 Jahren die Impreffioniften in Paris vogelfrei waren, fo erfcßeint

1 J der Fortfcßritt erftaunlid). Aber es fdjeint nur fo. Man kann zwar in der Cat
von einem Fortfcßritt des Publikums fprecßen, infofern fein Unverftändnis einer be-
ftimmten Kunftricßtung gegenüber zu Verftändnis geworden ift; aber fobald nun eine
neue Richtung auftaucßt, ift das Verhältnis von Publikum und Kiinftler das ewig alte,
jenes verfteßt diefen nicht.
Es gibt Künftler, die in bittre oder refignierte RLIorte ausbrechen, wenn fie diefes
Unverftändis des Publikums feftftellen. Ich finde, daß fie Unrecht haben; fie bedenken
nicht, daß jedes neue Kunftwerk, das fofort freundliche Aufnahme findet, verdächtig ift.
Denn gewöhnlich find es ftoffliche Reize die auf das Publikum wirken, denken Sie an
die Böcklinbegeifterung, die den Märchenthemen und der fogenannten poetifchen Stim-
mung galt und es fdjwer macht, auch dem Künftler gerecht zu bleiben. Seltner find
es Reize der Ausführung, fie taugen dann nicht viel, bei Lenbact) war es die pfeudo-
rembrandtfche goldbraune Sauce. Neulich fagte mir eine Dame, als fie eine moderne
Erzählung gelefen hatte, fie müffe fie ein zweites Mal lefen, um fie zu verftehen, die
Sat^ftellung, der Bau der Ulorte ermüde fie, und fie war erftaunt, als ich antwortete,
es befriedige den Dichter zu hören, daß er nicht fo leicht zu lefen fei. Sind Künftler
nicht Vorpoften der Kultur, können fie ihre Aufgabe, das Begehende weiterzubilden,
löfen, wenn fie den Leuten das vorfe^en, was fie fchon kennen? Es ift zwar ein nahr-
haftes Gewerbe, zu liefern, wonach Nachfrage befteht, aber es heißt die Kunft zur
nü^lichen Kuh machen.
Diefe allgemeinen Vorbetrachtungen, überflüffig wie alle Einleitungen, fcßienen mir
doch am Plat$ gegenüber einer Kunft, die wie die nachexpreffioniftifche dem Publikum
das Verftändnis befonders fchwer macht, weil fie überhaupt nichts mehr darftellt was
ihm auch nur von fern bekannt ift, nämlich fowoßl auf den menfchlichen oder tierifcßen
Körper als auf die Landfchaft verzichtet; diefe beiden Stoffkreife, die uns durch die
ältere Kunft und die des 19. Jahrhunderts vertraut find.
Und auch was die formale Seite angeht, fo ift nichts mehr da was wir kannten,
nicht Kolorit, nicht anatomifche Richtigkeit (man kann nicht einmal mehr notieren, daß
ein Bein verzeichnet fei), nicht Farbenfreude, nicht Duft, Aroma und wie die hübfcßen
Sinnlichkeiten alle hießen. Statt deffen foll man Struktur, Statik, Balance, Gleichzeitig-
keit, Gleichwertigkeit, lauter mathematifche, unkonkrete, abftrakte Dinge fuchen, und
wenn man einen jüngften Fjolzfchnitt in der Band hat, weiß man nicht, ob er nicht
auf den Kopf zu ftellen ift — aber dann wird er auch nicht verftändlicher. Kurz, es
fteht gar mancher vor den Dingen der neuen Kunft wie das Borntier vor dem Scheunen-
tor, und die Damen finden vielleicht im geheimen, daß die Kunft ungalant zu werden
beginnt, nicht nur weil fie vom Boßen Lied des weiblichen Körpers nichts mehr hält,
fondern auch weil fie jene letzte feine Dofis des Eros fortläßt, die früher ahnen ließ,
daß die Kunft eine menfchliche Angelegenheit fei.

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