Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Die 3 eit und der Markt

Kun ft politik
Gefet^gebung und Kunftpflege
Die Folgen einer kulturmordenden Luxusfteuer-
Gefeljgebung, mit der der heilige Bureaukratius
der freien deutfchen Republik nicht einmal fein
Meifterftück gefchaffen, die aber fd)on in frü-
heren Verordnungen wie Äusfuhrgefelj ufw. ihre
würdigen Vorboten entfandte, treten je§t un-
mittelbar zutage. Einige der beften deutfchen
Kunftfalons in Berlin und in der Provinz gedenken
mit dem 1. Januar ihren Äusftellungsbetrieb zu
fcfdießen, weil die unfinnige Verfügung, die den
Händler mit 15% Steuer bei Verkäufen belaftet, den
Künftler fchonenderweife dagegen bei direkten
Verkäufen nunmehr von Abgaben freiläßt, mit
notwendiger Konfequenz den Ruin fämtlicher
Unternehmen zur Folge haben muß, die bisher
dem Verkauf von Kunftwerken obgelegen haben.
Den Schaden aber, der fich nunmehr für Änfehen
und GUertung deutfcher Kunftkultur aus der mit-
geteilten Catfache ergibt, tragen in erfter Linie
die Künftler felbft, in zweiter Linie das kunft-
freudige Publikum, das in feinen Äusftellungs-
falons immer noch die befte Quelle zu innerer
Erfrifchung fand. Klie lange wird die Gefetj-
gebung folcherweife noch ihr Narrenfpiel treiben
können. Sind wir vollends fo arm an fchöpfe-
rifchen Ideen geworden, daß man keine anderen
Klege entdeckt, als die, die unfere geiftige Ver-
armung zur unmittelbaren Folge haben müffen.
Klie unerhört der Apparat unferer gefeljgebe-
rifchen Mafchine auch fonft in gewiffen Fällen
gegen das vitalfte Intereffe der deutfchen Kunft
verftößt, fcßildert Fjans Golh im lebten Fjeft
feines „Ärarat“ im Fjinblick auf die von ihm
für Paris vorbereitete Klee-Husftellung.
Äuch diefer Fall fpricht Bände. Klie lange
aber foll es in diefem Stil noch weiter gehen?
KIozu fchließlich die ganze Reichskunftwart-
Farce, wenn fchönen Klorten keine entfcheidende
Cat folgt? B.
Ausheilungen
I)olländifd)e Äusftellungen
Das „Stedelijk Mufeum“ in Ämfterdam hat
diefen Monat feine Räume für wechfelnde Äus-
ftellungen dem „Nederlandfche Kunftkoopers-
bond“ zur Verfügung geftellt. Sechzehn hollän-
difrfje Firmen zeigen hier ihren Stock von mo-
dernen Gemälden. Intereffant ift diefe Äusftellung
nur deshalb, weil man fich daraus ein klares

Bild machen kann, auf welchem Niveau fich der
Gefchmack des Durchfchnittsholländers bewegt.
Ganze Reihen von Kühen, Enten, Bauerninterieurs
Stadtanfichten, Blumenftilleben marfchieren hier
auf. Diefe in endlofen Variationen wiederholten
Motive läßt man fich kaum noch gefallen, wenn
fie von den alten Meiftern der FJaager Schule
gemalt worden find. Die Äusftellung im „Ste-
delijk Mufeum“ bringt aber nebenbei fehr viel,
das von dem rachitifchen Nachwuchs diefer Älten
nach den auf den Akademien eingedrillten im-
preffioniftifchen Rezepten zufammengefchmiert
wurde. Darüber hinaus will das holländifche
Publikum anfcheinend nicht und folglich gebärdet
fich der Kunfthandel, der es an erfter Stelle auf
feine materiellen Vorteile abgefehen hat, fo, als
ob der Impreffionismus und fogar der verwäfferte
Äbguß eines abgeftandenen Jmpreffionismus das
Letzte und FJöchfte wäre, was an Kunft gefchaffen
wurde und im Jahre 1920 noch gefchaffen wer-
den kann.
Eine erfreuliche Äusnahme bilden die Firmen
E. d’Äudretfch-FJaag, N. Eifenlöffel-
Ämfterdam und J. 5- de Bois-Fjaarlem, die
wenigftens den Mut zeigen zu P. Gauguin, Vincent
van Gogh, KI. Kandinfky, Odilon Redon, Coorop.
Diefe zumCeil nachimpreffioniftifchen Kunftwerke
find aber in der 3af)l fo gering, daß fie in dem
Kluft von Israels, Maris, Mauve, Mesdag und ihren
abfolut unintereffanten Epigonen verfchwinden.
Es wirkt tatfächlich erfrifchend, wenn man
aus diefen muffigen Räumen herauskommt und
den Saal im „Stedelijk Mufeum“ betritt, wo
„La Section d’Or-Paris“ die Klände mit
ihren kubiftifchen und neokubiftifchen Farben-
brutalitäten vollgehängt hat. Die beften fran-
zöfifchen Kubiften wie Picaffo, Braques, Leger
find zwar nicht vertreten. Klas einem geboten
wird, find mit wenigen Ausnahmen Klerke von
Künftlern zweiten und dritten Ranges, denen fich
zwei Fjolländer, Mondriaan und van Doesburg
angefcßloffen haben. Äber hier hat man wenig-
ftens das wohltuende Gefühl der endlichen Er-
löfung aus einer verknöcherten und verfimpelten
Vergangenheit. Qnbefchreiblid) fein ift ein weib-
licher Corfo in gebranntem Con von Ärdjipenko.
Vor diefem Klunder von höchster und heüigfter
Kleiblichkeit möchte man niederknien und beten.
Diefe kleine Skulptur ift nicht nur weitaus das
befte Stück der Äusftellung, fondern eine der
vorzüglichsten Leitungen der modernen Bild-
hauerei überhaupt. Die weiteren Mitglieder der
Section d’or find: Ängiboult, Buchet, Donas,
Ferat, Gleizes, Gontcharowa, Fjellefen, Fjuszar,

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