Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Fernand Leger

Von DANIEL HENRY
Mit 9 Abbildungen

in großer, blonder Normanne ift Leger. In Argentan ift er 1881 geboren. Seine


Künftlerlaufbaßn beginnt mit drei Jaßren in der Ecole des Beaux-Arts in Paris.

*■—4 Drei leere Jaßre, oßne allen Gewinn, verbringt er ßier, von 1902—1905. Läcßer-
licße Greife leßrten im Cotenßaufe der rue Bonaparte öde, düftere Afterkunft, während
draußen längft Ließt und Sonne leueßteten in der Malerei. Dem akademifeßen Scßatten
entronnen, entdeckt die aueß Leger. Den Spuren der großen lmpreffioniften will der
nun Fünfundzwanzigjäßrige folgen, Licßtmaler will er fein. Bis naeß Korfika geßt er,
um Ließt zu atmen, Ließt zu malen. Und doeß: wie alle feine franzöfifeßen
genoffen, fpürt aueß er dunkel, daß die Licßtmalerei kein Anfang, fondern Ende.
Cezanne erfeßeint ißm: ißm ftrebt er naeß, doeß oßne fid) noeß ganz klar zu fein
über den Uleg.
Qualvolle Jaßre waren es, die Leger verbraeßte. Kurz naeß ißrer Entfteßung feßon
vernießtete er feine Ulerke. Nichts ift erßalten geblieben von dem, was von 1902 bis
1908 er feßuf.
Dann lernte er den Kubismus kennen, den in den Jaßren 1907 und 1908 Picaffo
und Braque anbaßnten. Ißr Beifpiel gab ißm Klarßeit. Und im „Salon des Indepen-
dants“ des Früßjaßrs 1910 ftellte er ein großes Gemälde aus: „Akte in einer Land-
feßaft“. Mit einem Scßlage ßat er ßier feine ganze Eigenart gefunden und ausgedrückt.
Steigerung und Vereinfacßung aller Formen, wueßtigften plaftifcßen Ausdruck will er.
Durcß Helldunkel ßolt er feine Formen ßeraus. 3uerft muß er noeß, wie in diefem
Bilde, auf farbigen Ausdruck verzießten, weil nur zur Formfcßaffung die Farbe ißm
dient. Dann erfeßeint die Farbe wieder, grau zuerft, Cezanneßaft, um endlicß wieder
ganz in ißre Recßte eingefetjt zu werden.
Noeß in zarte Farben taueßt er zwar die Bilder der näcßften Jaßre: die „Drei Bild-
niffe“ z. B. Aber dann regt fieß feßon die Cendenz aueß in der Farbe, die für den
plaftifcßen Aufbau der merke der näcßften Jaßre, wie überßaupt feines Scßaffens feit-
dem, bezeießnend ift: die Cendenz, ftarke Gegenfätje zu feßaffen.
Uleicße und ßarte Formen kontraftiert, aufeinanderprallend: aus diefem Spiel der
Kräfte entfteßt die Serie des „Raucßs“. Da bekämpfen fieß bewegt die fpitjen, ßarten
Däcßer und die weießen, geballten Raucßwolken. Und die Farbe verftärkt die Gegen-
fätje, verfeßrofft fie durcß fcßärffte Unnacßgiebigkeit. Ißre Farbe bekommt jede Form:
die bietet keck die Stirn den Farben der anderen Formen. Gleicßen Geiftes find die
„Raucßer“. Die Ulerke der Jaßre 1911 und 1912 find dies.
Das Jaßr 1913 bringt eine Serie von Bildern, „Formenvariationen“ genannt, in denen
keine Darftellung meßr angeftrebt wird. Nur Formen find ßier gegeben, bewegte
Formen, in fcßallenden Farben, die in tofender Runde fieß tummeln. Rßytßmifcßes
(Uallen, feft gefaßt im Viereck des Gemäldes.
3war wieder faft immer darftellend find feine Gemälde feitdem, doeß ift diefem
Maler ftets fein Bild, nießt das feftzußaltende Seßerlebnis, ausfeßlaggebend. In einem
Briefe feßreibt er mir: „Icß male aueß ßeute feiten oßne Vorwurf. Icß beßalte einen
Vorwurf bei, folange mein Streben naeß Bewegung es mir gebattet.“ Sein immer
wiederßoltes Ulort ift, daß das Gemälde das Gegenteil der Uland fein müffe, an die
man es ßänge. „Das Gemälde — feßreibt er — foll die Bewegung und das Leben
in feiner ganzen Kraft verwirkließen. Neben ißm foll alles andere matt fein.“
Der Cicerone, XII. Jal)rg„ ßeft 19 55 699
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