Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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P a r i f e r Ä U S ft ß 11 U n CJß n : 3eicbnun9en von Gernez (Galerie
Druet) / 3eid)nungen und Aquarelle von Lljote bei Vovolotjky / 3eid)-
nungen von de Segonzac (Galerie Marfeille) / Rouault (La Licorne) /
Matiffe: Mappe mit 3eicfjnungen Mit 2 Abbildungen

Man möchte fagen, daß die [eit einem Jahre
[o häufig [tattfindenden Husftellungen von Geieb-
nungen ein Bild der Rückkehr zu den berühmten
Kämpfen find, deren Teilnehmer die Nachfolger
von Ingres und Delacroix waren, mit einem
Worte, es ift die Wiedergeburt der Rivalität
zwifchen den Klaffikern und den Romantikern,
wie fie vor einem Jahrhundert beftand. Die
Geidßnung ift wieder zur Mode gekommen. Die
einen behandeln fie als 3eichner, die anderen
als Maler; die letzteren find zahlreicher. — Die
Äusftellung, die vor einem Jahre Picaffo bei
Paul Rofenberg veranftaltete, war das be-
zeichnendfte Beifpiel. Sie offenbarte uns diefes
Talent in einer neuen Form, aber fie zeigte uns
auch den aufkommenden Gefchmack für die
3eid)nung.
Die unbedingte Konfequenz,welche der Kubismus
mit [ich brachte, bezeugte die Tendenz zur reinen
Form. Das Problem der 3eicßnung wurde wie-
der lebendig wie damals. Die von den franzö-
fifchen Kunftkritikern diefem Problem gewidmete
Literatur ift unerhört reich. Aber nichts ift ak-
tueller, als das, was die beiden Vertreter zweier
entaegengefeßter Lehren fchon vor mehr als
einigen Jahrzehnten fchrieben: Charles Blanc,
in feiner „Grammaire des arts du dessin“,
und Eugene Veron, welcher ihnen in feiner
„Äftßetik“ die von den Romantikern ver-
tretenen Prinzipien und die der Realiften in der
Kunft entgegenhält. „Die Schönheit und die
3eichnung“, fagt Charles Blanc, „find ein Änteil
der Intelligenz, die Pracht und die Farben find
das Werk der Natur!“ Ingres unterftüßte die
philofophifchen Erkenntniffe Charles Blancs, in-
dem er ßauptfäcßlich die 3^ichnung dominieren
ließ. Sein Äusfprucß: „Die 3^ichnung ift die
Ehrlichkeit in der Kunft“, ift unfterblich gewor-
den. Sein Prinzip war, rund zu modellieren,
die Details dem Ganzen zu opfern, eine Figur
in monumentaler Form zu komponieren, daß
die Beine fozufagen wie die Säulen einer Ärcßi-
tektur wären. Die Vornehmheit der Kontur
mußte zur Fjauptfacße werden. — Hber der
ümfeßwung in der franzöfifeßen Malerei ftütjte
fieß nicht auf Ingres. Schon die Romantiker und
die Maler von 1830 widerfeßten fieß den vielen
Konturen der Ingresfcßen Schule. Ißre nervöfen
Impreffionen waren vermittels eines freien brei-
ten Striches ausgedrückt, entweder kräftige oder
zartere, und nur darauf hinzielend, die großen
Maffen zu akzentuieren. Dies war der Tod der

Kalligraphie der Ingres-Scßüler. ünd nun kommt
Picaffo, in diefen lebten Jahren müde von
den kubiftifeßen Spekulationen, auf Ingres
zurück. Man glaubte die Tradition Ingres’ feßon
tot. Hber Picaffo erzeugte dennoch kein Er-
ftaunen mit feiner Kalligraphie. Die 3eicßnung
ift dermaßen unter den Malern, die aus der
Gärung der Fauves und des Kubismus ßer-
vorgegangen find, verbreitet, daß fieß fünfzig
Maler plößlicß als hervorragende 3cicßner offen-
barten. Man ßat von Coubine hauptfäcßlicß
durch ißre Senfibilität hervorragende 3eicß-
nungen gefeßen. Matiffe trat mit einer Mappe
3eicßnungen hervor, mit denen diefer Künftler,
der woßl der meifterßaftefte unter den Modernen
genannt werden darf, zeigt, daß er ebenfoviel
feinem Raffinement wie feinen Studien Dürer-
feßer Geidirmngen und anderen alten Meiftern
verdankt. Sie find, was die Reinheit betrifft, den
3eicßnungen Picaffos weit überlegen. Sie find
mit den Rötelzeicßnungen Derains die feßönften
Meifterwerke, wo fieß mit einer Überfcßwäng-
licßkeit die vitale Kraft in wunderbarer Weife
mit einer Reinheit vereint, oßne die Grazie aus-
zufcßließen. Mati f fe und Derain verfteßen als
3eicßner meßr Takt zu bewahren als Picaffo,
der allzufeßr feine Virtuofität handhabt, welche
er mit Perfektion verwecßfelt. Sie find auch
viel lebendiger, finnlicßer und raffiger. — Es
gibt dann auch 3mcbner wie Suzanne Vala-
don von der Linie Degas-Lautrec; andere,
die aus der Verehrung der gigantifeßen Pro-
portionen Daumiers einen Kult machen. Dies
find de Segonzac und Dupene. Marcßand
fteßt unter dem 3auber von Corot. — Ein Lßote
imitiert gefeßiekt Cezannefcße Äquarelle, oder
läßt fieß in der Segnung von David infpi-
rieren, welchen er immer in Wort und Schrift
als den Vater jeglicßer Modernität ßinftellt.
Rouault ift durch das Genie Daumiers be-
einflußt. —
Eines der feßönften modernen Talente ift der
Schweizer Maler Giucini, welcher fieß durch
3eicßnungen unterfeßeidet, in denen viel be-
zaubernde Pßantafie fteckt. Man findet diefe
Qualitäten auch bei Dupy,. der ein dekoratives
Talent erften Ranges ift. Die Kubiften und Nacß-
kubiften kommen alle auf Ingres zurück. Man
betrachte die 3eicßriungen von Gris, Survage,
und jene, welche Gernez, einer der ernfteren
Künftler unter den jungen, in der Galerie Druet
ausftellt; alle fueßen die Reinheit der Form. Hber

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