Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Eine Ciergruppe aus Kaffeier Porzellan

Von ROBERT SCHMIDT

Mit einer Abbildung

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u den am wenigften bekannten deutfcßen Porzellanmanufakturen des 18. Jahr-


hunderts gehört die 1766 angelegte landgräflich helWche Porzellanfabrik zu Kaffel.

^—4 Während ihres 22jährigen Beftehens hat fie es allerdings nie zu befonders hoher
künftlerifcßer oder wirtfchaftlicher Leiftungsfähigkeit bringen können; da ihr Äbfats auf
das eigene, nicht allzugroße Land befchränkt war, ift fie — wie fo manche andere
ihrer Schwefteranftalten — ftets ein Sorgenkind der Staatsfinanzen geblieben und hat
ihre ünkoften nie aus eigener Kraft decken können. Über ihre äußeren Scßickfale find
wir im allgemeinen unterrichtet durch die archivalifchen Forfcßungen Ä. von Drach’s,
die er unter dem Citel „Fayence- und Porzellanfabriken in Ält-Kaffel“ 1891 im „Fjeßen-
land“ (3eitfd)rift für heßifcße Gefchichte und Literatur) veröffentlicht hat. Die künft-
lerifche Wirkfamkeit der Manufaktur ift aber leider bisher nicht in ausführlicher Weife
zufammenfaffend gewürdigt worden. [Denn ße fich auch ficherlich nicht als bedeutend
herausftellen wird, fo wäre — bei dem großen Intereffe, das heute allen Porzellan-
erzeugniffen des 18. Jahrhunderts entgegengebracht wird — eine 3ufammenftellung
ihrer Werke doch eine fehr dankenswerte Aufgabe. Bis jeßt find wir daher nur auf
zufällige Einzelpublikationen angewiefen, zu denen diefe 3eilen einen kleinen Beitrag
bringen füllen.
Die hier abgebildete, in der Literatur meines Wißens bisher nicht erwähnte Leoparden-
gruppe (im Befi^ des Fjerrn Fjeinrich Moriß in Frankfurt a. M.) glaube ich den Arbeiten
der Kaffeier Fabrik zurechnen zu dürfen. Die 16 cm hohe, 23 cm breite Gruppe ift
farbig bemalt; fie trägt unter dem Boden nicht die übliche Kaffeier Blaumarke, fondern
nur die beiden eingeritten Buchftaben I. H. Daß diefe Buchftaben nichts mit der ßäu-
ßgen Rißfignatur Frankenthaler Porzellane zu tun hat, beftätigt von vornherein die
kaltweiße Farbe der Maffe, die völlig von der wärmeren gelblichen Frankenthaler Maffe
verfdjieden ift. Des Rätfels Löfung, nämlich die Kaffeier Provenienz, fcheint mir nun
durch zwei Catfachen gegeben zu fein. Erftlich befißt das Kaffeier Mufeum die — bis
auf geringfügige Kleinigkeiten und den größeren Maßftab — völlig gleiche Gruppe
aus dem gelblich-weißen Steingut der bekannten Steitßfcßen fog. „gelben Steinfayence“-
Fabrik, in deren Inventar von 1774 ausdrücklich eine Leopardengruppe von einem
liegenden und einem fteßenden Leoparden aufgeführt wird1 2. Man wird als ßd)er an-
nehmen dürfen, daß Steit die Modelle zu folcßen Gruppen nicht in weiter Ferne ge-
fügt hat, fondern fich der nächftliegenden bediente, zumal feine Beftrebungen fich des
befonderen landesherrlichen Intereffes zu erfreuen hatten. Alfo wird man an ein Vor-
bild aus Kaffeier Porzellan denken dürfen, um fo mehr als in einem Warenverzeichnis
der Manufaktur vom Juli 1776 „viele Ciergruppen und einzelne Giere“ genannt werden-.
In unferem Falle aber ift das Verhältnis der Steingutgruppe zu der Porzellangruppe
ein noch engeres; ein genauer Vergleich beider zeigt nämlich, daß ße aus ein und
derfelben Form ßergeftellt worden find. Daß die Steingutgruppe um etwa den vierten
Geil größer ift, erklärt ßd) daraus, daß das Steingut nur feßr wenig, das Porzellan
aber feßr ftark im Brand feßwindet. Im übrigen ergeben fich die ganz unwefentlicßen
Qnterfcßiede, z. B. die andere Stellung des Schweifes, aus dem 3ufammenfeßen der
1 v. Drad), a. a. 0. S. 150.
2 a. a. 0. S. 139.

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