Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Mit S Abbildungen / Von KARL SCHWARZ

Le ff er öry

5 ift bezeichnend für das (tiefen der jüngften Kunft und ihr Verhältnis zu dem,


was die ältere Generation gefchaffen hat, daß einem faft nie beim Betrachten der

1—A (tlerke die Frage nach der technifcßen Überwindung und Löfung eines Problems
kommt. Von den Jüngften wird das Cechnifche gar zu leicht mit Verachtung geftraft,
denn ihnen ift alles „Erlebnis“, das infolge feiner Intenfität fämtliche Schwierigkeiten
aus dem (tlege räumt.
Diefes leichte Fjinnehmen des technifchen Momentes ift eine große Gefahr. Die-
jenigen, die fich heute enthufiaftifchen Fjerzens darüber hinwegfet^en, werden entweder
an ihrem Idealismus zugrunde gehen, oder gründlich umlernen müffen; denn Kunft
kommt von Können und kann fich nur dann ungezwungen geben, wenn diefe Könner-
fchaft durch anhaltende, langbewährte Übung zu einer gewiffen Selbftverftändlichkeit
geworden ift. ßierzu bedarf es aber vieler Jahre des Fleißes und refignierter Ärbeit.
Kunft kommt aber auch infofern von Können, als diefe Könnerfchaft dem Künftler
von einem unfichtbaren Genius in die (Uiege gelegt wird, der ihn befähigt, in einem
3uftande vifionärer Schaffenskraft Dinge hervorzuzaubern, deren Gelingen ihm nur
möglich ift, wenn es fich wie eine göttliche Macht über ihn ergießt, die ißn von aller
Erdenfcßwere erhebt und einem unbewußten Drange folgend fo, und nur fo, handeln
läßt, ohne daß es ißm möglich wäre, nachher über fein üun Rechenfdjaft abzulegen.
Entfteht das Kunftwerk unter foldjen Vorausfeßungen, paart fich die menfchliche
Kraft mit dem unbewußten Drange göttlicher Intuition, fo haben wir eben ein Genie
vor uns.
Goethe berichtet in „Dichtung und (Uahrheit“, wie er oftmals des Nachts aus dem



Leffer öry.

Älter Fjerr. Lithographie.

Der Cicerone, XII. Japrg., fjeft 21

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