Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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ßeinrid) Campendonk

Von GEORG BIERMANN
Mit 15 Abbildungen

Sicher [teilen wir tyeute an einem der fcßickfalsfcßwerften Wendepunkte, den die europäifcße
I Gefchichte gekannt t>at. Mit Riefenfcßritten geht die große Umwälzung ißren Weg.
Was wir vor fünf oder zehn Jahren erlebt, liegt weit wie eine Ewigkeit hinter
uns. Der jäße Bruch zwifcßen Ältem und Neuem, den der Weltkrieg in grauenvoller
Deutlichkeit und mit allen Schrecken feines Gefcßeßens rein äußerlich fymbolifiert, hat
fich dennoch nicht fo plötzlich) und elementar vollzogen, wie es vielen fcheinen will.
Immer klarer werden uns jeßt, wo der furchtbare Albdruck von uns genommen, der
während fünf nußlofen Jahren unfere beften Kräfte lähmte, die tieferen Urfacßen, die
zur Kataftropße hinführen mußten. Das geiftige Gefidßt diefer abendländifcßen Welt,
wie es fich heute >m Spiegel der Gefchichte abmalt, verrät fchon lange vor jenem Scßickfals-
datum vom l.Äuguft 1914 die bedenklichen 3eicßen vollkommenfter Verwirrung. Die
Entwicklung, wie fie fich innerhalb der europäifcßen Staaten vollzogen, feit Deutfcßland
feinen vielgepriefenen „Weg zur Sonne“ antrat, hätte auch bei einer anderen politifchen
Konftellation jenen äußerften Punkt berührt, hinter dem als nächfte Station der 3ufammen-
bruch ftand. Es war der falfche Ehrgeiz der Völker und ihrer Lenker, die die Kraft
des Geiftes nicht mehr empfanden und mehr auf Bajonette und Kanonen vertrauten,
der eines Cages Europa zu einem einzigen Schlachtfeld und die Menfcßen felbft zu
willenlofen Werkzeugen eines furchtbaren Fjenkeramtes machen follte.
Die Feftftellungen berühren infofern auch das Gebiet der Kunft, weil diefe in jenen
unheilvollen Jahrzehnten weder die geiftige Führung befaß noch auch unabhängig von
dem erdrückenden Materialismus ihrer Seit gewefen ift. Daß eine Epoche, die in jeder
Äußerung ihres innerften Seins fo ftark mit den äußeren Effekten kokettierte wie die
hinter uns liegende, auch in der Kunft vor allem das Ärtiftifche gelten ließ und be-
wertete, kann uns heute keineswegs mehr überrafchen. Wie fie fiel) einfeitig von den
Wundern der neuen Uecßnik blenden ließ und alle Segnungen der Kultur einzig faft in
dem Ausbau dynamifch mecßaniftifcßer Kraftzentren erkannte, fo erfcßien ißr auch jene
Form von Malerei vornehmlich bewundernswert, die fich der Natur am meiften näherte
oder doch ißrem äußeren Schein am beften anglich. Der Begriff der Qualität war der
kritifche Maßftab für rein handwerkliche üücßtigkeit. Dem minder gebildeten Kunft-
freund war noch immer der Bildinhalt das Wefentliche. Der Kenner aber hielt fich
allein an die Brillanz der üecßnik, das Verblüffende des Momentes, die malerifcße
Routine, mit der die Natur der Dinge in ihrer äußeren Erfcßeinung erfaßt ward. Die
großen Impreffioniften der achtziger und neunziger Jahre hatten alles, was in diefem
Sinne ein kultivierter Gefchmack beanfpruchen konnte. Über Manet und Renoir war
nicht mehr zu ftreiten. Ift auch heute nicht zu ftreiten, weil fie nicht nur die Farbe
fouverän beßerrfcßten, fondern wirklich dem Gefühl ißrer 3eit durch ihre Werke einen
geiftigen Gradmeffer für allerdings ßöcßfte Vollkommenheit formten. Wir Deutfche
haben troß Leibi und Liebermann folcße Koryphäen nicht befeffen. Denn das Wefen
unferes Volkes fühlt fich weniger von der nur äußerlichen Schönheit der Dinge an-
gezogen, fondern geht feiner Gefchichte und Veranlagung nach mehr auf das innere
Wefen der Welt und ihrer Erfcheinungen. Daraus erhellt vielleicht zutiefft die üragik
unferes Gefcßickes, daß wir diefer Wefenßeit der deutfeßen Seßnfucßt feit Dürer bei-
Die Cüiedergabe der hier abgebildeten tllerke von Fjeinrid) Campendonk gefeßießt mit freund-
licher Genehmigung von 3inglers Kabinett, Frankfurt a. M., Kaiferftr. 23.

Der Cicerone, XII. Ja^rg., beft 18

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