Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Mit 11 Abbildungen / Von WILL FRIEG

lüill)elm Morgner

Das Gleichnis
Wer Soe[t, die noch feilte mittelalterlict) ausfeßende Stadt in Weftfalen, die Fjeimat
Wilhelm Morgners im Frühling von den lindenbeftandenen Wällen aus gefeßen
hat, kann fiel) er[t ein richtiges, vollftändiges Bild von diefem Maler machen.
Aus einem unermeßlichen, weißen Blütenmeer taucht grünrot eine [eltfame Stadt empor.
Sieben Kirchtürme, einer noch fonderbarer geformt als der andere, ftreben nach oben.
Grünfandftein [dämmert; zinnoberrote Dächer glüßen. Blüten in den Gräften, den
alten Wallgräben, Blüten in den angrenzenden Gärten, Blüten überall. Eine in Weiß
auflodernde und leuchtende Sage. Verfcßwenderifcße Fülle: große Verheißung, un-
ermeßliche Hoffnung. So war Morgner. Der lofe, frifeße Jüngling voll [trotzender Kraft.
Kurz war fein Fjierfein, wie ein Mai; plötzlich war er fort, als wenn Eiskönige fein
Leben gefordert hätten. Es kann einem fdjeinen, als habe man fein Werk und be-
fonders das Scßwarzweißwerk beim Anblick des blühenden Soeft vor Augen. Es ift
bodenftändig und blüßt wie alle echte Myftik organifcß auf ins All. Und wie die ver-
feßieden blühenden Bäume und immer auf andere Weife aufwueßtenden Cürme, liegen
die fo mannigfachen Ausdrucksweifen Morgners während feiner nur zehnjährigen
Cätigkeit nebeneinander und ßnd befonders im Jahre 1912 nießt, wie fonft hinter-
einander, fondern parallel geordnet. Und wie der Frühling die blüßende Natur, fo
ßält ein genialer Gedanke das große Werk des jugendlichen Künftlers zufammen.
Seine Fjeimat im Blütenfcßmuck ift das befte Gleichnis für ißn.
Der Dämon
Es war zu merkwürdig, daß Morgner immer wieder behauptete, er fei Mufiker und
damit offenbar dem Kunftzweige der Neuzeit, der Mufik zuftrebte (fein Vater war
Mufiker). Er ftand alfo auf einer Schwelle. In ißm kam ein Stück Mittelalter wieder :
Malerei; denn diefe ift das große Gefcßenk, das uns das Mittelalter vermachte. (Das
Altertum vermachte uns Architektur und Plaftik — Ägypten — Griechenland.) Morgner
war Maler par excellence. Für ißn hieß leben: malen und zeichnen. Aus innerem Be-
dürfnis heraus geftaltete er feine Welt, fo etwa wie Matthias Grünewald, Rembrandt,
Dürer. Seine Kunft ift nießt verftandesmäßig konftruiert, nießt ergrübelt, nießt gemacht,
nießt nachgeaßmt. Vor feinen Bildern muß man auch an feine Vorfahren in Soeft, die
Primitiven: Konrad von Soeft, Gert van Lon, Fjeinricß Aldegrever denken, an die Maler,
welcße die Soefter Kirchen mit Myftik ausftraßlenden Gemälden fcßmückten, den Patrokli-
Dom, Maria zur F)öße. Die Kenntnis der letztgenannten Kirche ift zum Verftändnis
Morgners unbedingt erforderlich. Im Cypanonrelief am Südportal fprießt uns feßon
eine geheimnisvolle Welt an: aus einer gemeißelten Geburt, Kreuzigung und Auf-
erfteßung; manche Morgnerfcße Kompofition und Linie fällt einem ein. Im myftifcßen
Dunkel der für Weftfalen fo eigenartigen FjaUenkircße tauchen braunrote Drachen auf
und andere eigenartige Fabeltiere, mit Blätterzungen, Blütenflügeln und Rankenfcßwänzen.
Pßantaftifcß byzantifeße Wandteppiche bekleiden den unteren Ceil der Wände. Im
Fjauptcßor eine Malerei oßne gleichen: Engel umfeßweben die Jungfrau Marie. Ein
tiefverklärtes Blau, ein abendhaft welkendes Rot und die ganze Kompofition zufammen-
Die ttliedergabe der hier abgebildeten Morgnerfcßen merke erfolgt mit freundlicher Genehmigung
der Galerie Flecßtßeim, Düffeldorf und der Pßotograpßifcßen Gefellfcßaft, Cßarlottenburg.

Der Cicerone, XII. Jatjrg., ßeft 13

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