Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Neue Graphik — Neue Bücher

Cöcßtercßen im Dirndelkoftüm und der ßod) auf-
gefcßoffene Soßn im „Jankerl“ mit Stufen ziehen
an uns vorüber; dann geleiten wir den Meifter
nad) Berlin in die Klopftockftraße, treten in fein
Ätelier ein und feßen ißn felbft vor der Staffelei
fteßen. Die Blätter, bereits vor Jaßresfrift ent-
ftanden, find von einer erfrifcßenden Kraft und
Sicherheit; befonders die Bilder des im Ruder-
boot über den See fahrenden Knaben, des Knechtes
und der Änficßt der Klopftockftraße gehören zu
den beften Radierungen aus den lebten Jahren.
ttlie feßr ficß Corintß in den Geift alter Lite-
ratur einzufüßlen verfteßt und es ißm gelingt,
die ttlorte längft verklungener 3eiten nacßzu-
erleben, beweifen feine herrlichen Lithographien
zu den Lebenserinnerungen des Göß von Ber-
licßingen, die der Verlag Friß Gurlitt in
einem Monumentalwerke herausgibt. Der Ritter
mit der eifernen F>and und der markigen Sprache,
der leßte Ritter des Mittelalters, ift fo recht ein
Vorwurf für den Recken Corintß. (Die ballt ficß
in diefen Blättern alles zu Kraft und Leiden-
fcßaft zufammen! tüie ßerrlicß wird ßier die
brutale Gewalt des Fjaudegen mit kindlicher
Gottergebenßeit zufammengefcßweißt! Göß wird
als Jüngling, als fiegßafter Mann und als ßin-
fiecßender Greis dargeftellt, und neben ißm er-
fcßeinen feine gewaltigen Partner: der Kaifer,
derErzbifcßof von Mainz und der Herzog Älbrecßt.
Die ganzfeitigen Bildbeilagen werden akkordiert
von einer reichen 3aßl dem Cexte eingefügter
Initialen, die der Künftler Motiven aus den Rand-
zeicßnungen Dürers zum Gebetbuche Maximilians
entnommen hat. Diefes merk krönt die gra-
pßifcße Illuftrationstätigkeit Corintßs und zeigt
ißn beim Eintritt in das 64. Lebensjahr in der
Vollblüte fcßöpferifcßen ttlirkens. K. S.
Neue Bücher
Fjofftedes Katalogwerk der tjollän-
difdjen Maler1
Nach einer durch den Krieg verfcßuldeten mehr-
jährigen Paufe ift kürzlich der fiebente Band des
großen kritifcßen Kataloges der ßolländifcßen
Meifterwerke des 17. Jahrhunderts erfcßienen,
der die ülerke der niederländifcßen Marinemaler
millern van deVelde, Jan van de Capelle
und Ludolf Bakßuyzen behandelt und dazu
das Oeuvre des vielfeitigen, ßauptfäcßlich durch
1 Befd)reibendes und kritifd)es Verzeichnis der Cilerke
der ßervorragendften ßolländifcßen Maler des 17. Jahr-
hunderts. Nach dem Mufter von John Smiths Catalogue
raisonne zujammengeftellt vonDr.C.Fjofftede de Groot.
Siebenter Band, ünter Mitwirkung von Dr. KarlLilien-
feld und Dr. Otto Fjirfdiniann. Eßlingen a. N., Paul
Neff, Verlag, und Paris, F. Kleinberger.
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feine minterlandfcßaften und Nachtbilder be-
rühmten Äert van der Neer feftlegt. Van de
Velde und van de Neer haben das zahlenmäßig
umfangreichfte merk ßinterlaffen. Von jenem
weift der Fjofftedefcße Katalog weit über 600Num-
mern nach, von diefem faft die gleiche Änzaßl
Bilder. Die Änlage diefes neuen Bandes folgt
den früher erfcßienenen Ceilveröffentlicßungen
diefes monumentalen Cüerkes. Die Bearbeitung
des von FJofftede de Groot gefammelten Materials
hat bei Jan van de Capelle der frühere Äffiftent
des Gelehrten Dr. Karl Lilienfeld, für die
übrigen Meifter der fleißige und kenntnisreiche
Dr. Otto Hirfcßmann übernommen. Die Än-
ordnung des Stoffgebietes ift auch diesmal fyfte-
matifcß nad) Motiven erfolgt. — Der Fjinweis
auf diefen neuen Band des prachtvollen ünter-
neßmens, das den alten Catalogue raisonne von
Joßn Smitß fortgefeßt, erweitert und den Kennt-
niffen der modernen miffenfcßaft angeglicßen
hat, bliebe unvollkommen, wollte man nicht mit
einem 6Qort dem Herausgeber für den Fortgang
feiner ebenfo fcßwierigen wie unentbehrlich ge-
wordenen Ärbeit danken. FJofßede genießt heute
mit Recßt den größten Ruf als Kenner der ßol-
ländifcßen Malerei des 17. Jahrhunderts fowoßl
in der alten wie in der neuen Cüelt. Dies „be-
fcßreibende Verzeichnis“ ift das Ergebnis feines
Lebens, das ausfcßließlich der Durchdringung
des einen großen Kunftgebietes gewidmet ift.
Sein [Clerk hat der miffenfcßaft und dem Sammel-
wefen unerhörten Nußen bereitet und zum erften-
mal Ordnung in ein Kunfterbe von vielen tau-
fenden von Nummern gebracht und damit vor
Dilettantismus und übler Spekulation gerettet.
6CIir dürfen hoffen, daß ficß das Gefamtwerk nun
mit rafcßen Schritten dem Hbfcßluß nähert, ob-
wohl bis dahin noch viel zu bewältigen bleibt.
Biermann.
Lafar Segall
Katalog mit Beiträgen von Cßeodor D ä u b 1 e r
und Dr. mill Großmann. moftok-V erlag, Dresden.
mieder hat uns der Often einen neuen großen
Schaffenden gefcßenkt. In Lafar Segall lebt
nichts von Kandinfkys Rafßnement oder von
Chagalls Erdenfcßwere und Pßantaftik, Dofto-
jewfkis fcßwermütig myftifcße Note ßndet in
feinen merken malerifcß ißre reinfte Auswirkung.
Er führt uns ins Schattenreich, traumwandelnd
ziehen Männer, Frauen, Kinder, Bettler, Blinde,
Irrende, Müßfelige, Beladene, vom Leben Äus-
geftoßene an uns vorbei. In übergroßen Köpfen,
angftvoll aufgeriffenen Äugen, fcßmerzvoll zu-
fammengepreßten Lippen, winzigen Händen
geiftert ein gefpenftifcßes Sein. Gegenftändlicßes
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