Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Älte und neue Graphik

die Profeffur für Graphik an der Kunftgewerbe-
fchule dafelbft erhielt. — In Stuttgart ftarb
am 5. Mai der Profeffor für Fjolzfchneidekunft
an der Stuttgarter Akademie, Fjeine Rath.
Geboren am 17. Huguft 1873 in Berlin, ftudierte
er bei Carlos Grethe, war fodann wieder in
Berlin tätig und wurde 1914 ab die Stutt-
garter Hkademie berufen. Hm bekannteren find
feine Fjolzfchnittfolgen deutfctjer Städtebilder.
Hm 1. Mai war er in den Rutjeftand getreten,
um fid) ganz der von ihm geliebten Landwirt-
fcbaft zu widmen. Sein Nachfolger an der
Stuttgarter Hkademie ift Gottfried Graf, ein
geborener öüürttemberger, der fid) in den letjten
Jahren durch gute expreffioniftifche Fjolzfctmitte
und durch klare theoretifche Vorträge in Stutt-
gart einen Namen gemacht hat; er ift einer der
Mitbegründer der Üechtgruppe. Seine Lehr-
begabung läßt ihn wie wenige geeignet er-
fcheinen, den verwaiften Plaß Fjölzels auszufüllen.
— Der württembergifcheLandeskonfervator, Prof.
Eugen Gradmann, ift am l.Mai in denRuhe-
ftand getreten. Seine Nachfolge hat Prof. Dr.
Fiechter übernommen.— Dr.Huguft L.Mager,
München, wurde zum außerordentlichen Pro-
feffor an der dniverfität ernannt.
Hlte und neue Graphik
Unter Leitung von
Dr. Karl Schwarz, Berlin KI. 30,
Äfci)affenburger Str. 20.
Mappenwerke
Der junge Verlag Friedrich Dehne, Leipzig,
tritt mit einer ftattlidßen Reihe von Mappen-
werken hervor, die fid) alle durch gediegene
Husftattung und die vorzügliche Qualität der
Drucke auszeichnen. Die Preife find im all-
gemeinen niedrig gehalten, fo daß man fchon
aus äußeren Gründen mit einigem Vertrauen an
die für fid) nur felbft fprecßen wollenden Kunft-
werke herantritt.
Voran marfd)iert Ludwig von Fjofmann
mit 10 Lithographien, „Rhythmen“ bezeichnet.
Die vom Künftler entworfene Mappe und das
Citelblatt erfcheinen am wenigften glücklich; fie
find zu hart im Vergleich zu dem Linien- und
Lichtrhythmus, deffen feine Huswertung den
Inhalt der Fjofmannfchen Kunft bildet. Klie de-
korative Klandgemälde ziehen die Gruppen, die
eine edle, klaffifche Ruhe befeelt, an uns vor-
über. Die Menfchen wachfen ins ünperfönliche
und löfen fid), unterftüßt von den Fluten des
Lichtes und der Schatten, die diefer Schwarz-
weiß-Künftler mit der weichen lithographifchen
Kreide hervorragend meiftert, im kosmifchen

Rhythmenfpiele auf. Stimmungseffekte in allen
Modulationen, vom lyrifch 3arten bis zum wild
dramatifch Hufgepeitfchen, wechfeln in diefen
groß gefehenen und edel geformten Blättern ab.
„Fjäufer, Bäume, Menfchen“ betitelt fid)
ein Mappenwerk Klilhelm Plünneckes mit
10 Lithographien, doch fcheint die Bezeichnung
nicht ganz glücklich gewählt, da von den Men-
fchen eigentlich nur wenig in ihnen die Rede
ift, und vor allem eine von traurigen Miets-
kafernen und zerzauften Bäumen belebte Natur
zur Darftellung gelangt, die von Öde und Ver-
laffenheit widerklingt.
Der Hufruhr der Menfchen, die gepeitfchte
Leidenfchaft, der Drang nach Durchfetjung des
freien [Hillens und der Kampf, fowie das Leiden
für eine große Idee, tönen aus den Blättern
desfelben Künftlers, die er zu einer Mappe
„Marseillaise“ vereint hat.
K. F. 3äl)ringer fteuert 2 FJolzfchnittmappen
bei, „Schwarzwälder Bauern“, kräftige Ge-
walten einer gefunden Hrwüchfigkeit und monu-
mentale Blätter aus den Gegenden des zer-
klüfteten Fjochlandes, in denen der Künftler die
Bergriefen zu effektvollen Sd)warz-weiß-HIir-
kungen zu fteigern vermag.
Der überaus fruchtbare [Halter Klemm er-
fcheint auch hier mit 2 Klerken. Die 10 Litho-
graphien „Schildbürger“ find ßotte Blätter,
voller Großzügigkeit, kontraftreid) in der Hus-
wertung der dem Steine fo mannigfaltig zu
Gebote fteßenden Klirkungen und von einer
beherzten 3eid)enfreude, die fid) in luftigen
Schnurren tummelt.
[Denn dagegen Hlois Kolb in den 10 Ra-
dierungen „Ein Hbenteuer“ alle Regifter feiner
graphifchen Könnerfchaft zieht und feine an fid)
meifterlid) gezeichneten Kompofitionen mitVer-
nis-mou- und Hquatinta-Cönen, mit Kaltnadel-
und Rouletteftrichen ausftattet, fo ift uns diefe
gar zu komplizierte Kunft heute doch zu tech-
nifch trocken und läßt manches von einer un-
gezwungeneren Leichtigkeit vermißen.
Curt Fjoelloffs Linoleumfchnitte, „Nächte“
find zu unruhig flackernd und entbehren der
kompofitorifchen Difziplin, die die Einzelgraphik
diefes Künftlers viel beffer zumHusdrucke bringt,
wie z. B. der in feiner einfachen Großzügigkeit
durchaus gelungene Kupferfchnitt „Mann und
HIeib“.
Schließlich wäre noch EmilBizers „Paffion“
hervorzuheben, ein [Clerk von gewaltigem Ein-
druck, das die 6 farbigen Fjolzfctmitte, die in
ihrer primitiven Formenfprache an mittelalter-
liche Bud)illuftrationen erinnern, zu gehaltvollen

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