Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Die 3ßit und der Markt

Kun ft politik
Frankfurter Kun ft politik
Die Frankfurter kunftgewerblichen Än-
ftalten ftehen in Gefahr einzugehen: das Kunft-
gewerbemufeum mit feinen hervorragenden
allgemein und lokal intereffierenden Sammlungen,
langfam im Lauf der Jahre zufammengebracht
durch öffentlichen wie privaten Kunftfinn, eines
der beften der mittelgroßen Mufeen, das erft
kurz vor dem Krieg von Dr. Fj ermann von
Trenckwald nach gefchmacklichen und hiß0"
rifchen Gefichtspunkten neugeordnet wurde, jeßt
unter Prof. Robert Schmidt neuen Möglich-
keiten entgegenzureifen fdjien, die treffliche
Kunftgewerbebibliothek, welche die einzige
kunfttechnifche Fachbücherei unferer Stadt dar-
ftellt, die nun auch fchon über 40 Jahre alte
Kunftgewerbefchule, an der ganze Genera-
tionen unferes heimifchen Kunfthandwerks ihre
Äusbildung empfingen.
Der für diefe ünglückszeit fo typifche Grund
diefer Gefahr ift der totale Geldmangel der an
fich fchon überschuldeten Inftitute, fo daß es die
bisherige Befifeerin, die zu Anfang des 19. Jahr-
hunderts gegründete Polytedmifche Gefellfchaft,
ablehnen muß, fie weiter zu unterhalten. Ver-
handlungen mit der Stadt haben bis zu dem
Äugenblick, indem diefe 3eilen niedergefchrieben
werden, noch zu keinem pofitiven Ergebnis ge-
führt, da die Stadt auch die „Sparkaffe“, die
Erwerbsquelle der Polytecßnifchen Gefellfchaft,
mitübernehmen möchte, wogegen fich letztere
noch fträubt.
hoffen wir, daß die Einmütigkeit der kunft-
finnigen Bürgerfcßaft und der an den Kunft-
gewerbeanftalten intereffierten Vereine, die jetjt
in einer gemeinfamen Adreffe beim Frankfurter
Magiftrat vorftellig wurden, die gewünfchte
Einigkeit der beiden Vertragfchließenden und
damit die Möglichkeit einer Erhaltung diefer
großartigen Kulturinftitute für Frankfurt doch
noch durchfeßen wird!
Eine kleine, an ßid) gewiß auch fchon genug
fchmerzliche Vorahnung bedeutet hier derVerluft
der 5000Bände zählenden Fachbibliothek für
Goldfchmiedekunft 5- & J- Jeidels, die bisher
als Leihgabe der Kunftgewerbebibliothek ange-
gliedert war. Da aber die Geldmittel zum bleiben-
den Erwerb in Frankfurt nicht fofort aufzutreiben
waren, ging diefe treffliche Spezialbibliothek, die
u. a. die feltenen merke von Svenigorodfkoi über
byzantinifchen 3ellenfchmelz, eine FJolzfchnitt-
ausgabe des Fjallifchen F)eiligtumbud)es, die

vollftändigen3eitfd)riftenferien enthielt, dentüeg
alles Irdifchen — in den Befilj eines bekannten
Leipziger Äntiquariats, ohne daß fie vorher dem
hiefigen Inftitut nur mit einem Brief angeboten
worden war.
Der hiefige Rat für künftlerifche Ange-
legenheiten hat fich unterdeffen „organifiert“,
fich paragraphenmäßige Satzungen gegeben und
elf ftreng gefonderte „Arbeitsgruppen“ gebildet.
Ob man durch folche künftliche Organifation
nicht den wirklichen Kunftgeift aus dem „Rat'
f. künftler. Angelegen!).“ herausgetrieben hat?
CCIer will was Lebend’ges erkennen und befd)reiben,
Sud)t erft den Geift tjerauszutreiben;
Dann t)at er die Ceile in feiner ßand,
Fel)lt, leider! nur das geiftige Band.
3ur Bekrönung diefes ganzen Organifationswerks
hat ßcl) der Rat gar noch einen Juriften an die
Spille geftellt — einen von keinerlei Kunftgefühl
und künftlerifcher Fachkenntnis angekränkelten,
fold) einen richtigen Paragraphentjengft und
wortgewaltigen Rechthaber, — wo doch heute
im nachrevolutionären Deutfchland alle fonftigen
Körperfchaften eine fachmäßige, nicht aber
bureaukratifche Leitung erftreben.
Fjat nun der fo organifierte Rat bisher irgend
etwas erreicht? Die wochenlangen Beratungen
über das zu fchaffende Verhältnis von „Kunft
und Kritik“ hatten u. a. die Refolution ergeben,
daß kunftkritifche Tätigkeit an den großen Tages-
zeitungen nicht mehr nebenberuflich — gegen
geringes Gelegenheitshonorar— ausgeübt werden
dürfe. Aber zur 3eit denken die beiden großen
bürgerlichen Lokalblätter, „Frankfurter 3eitung“
und „Nachrichten“ gar nicht daran, fich haupt-
amtliche Kunftkritiker zu verpflichten. Denn
das erfcheint ihnen doch zu koftfpielig und in
FJinficht auf eine durch die Perfönlichkeit ftark
vertretene Kunftpolitik zu riskant. prj^ F>oeber
Ausheilungen
Neue Mündjner Graphik
3wei fchöne Äusftellungen verdeutlichen Sinn
und ümkreis des gegenwärtigen graphifchen
Schaffens: In der Galerie Channhaufer zeigen
der neuen Sezeffion zugehörige und naheftehende
Künftler Aquarelle. Bei Caspari veranftaltet
die „Mappe“, eine Vereinigung aller wefent-
lichen Münchner Graphiker ohne ünterfchied der
Richtung, ihre zweite Jahresfchau.
Das Gemeinfame, Verpflichtende, das in dem
Namen der Stadt begriffen wird, ift durch beide
Darbietungen neuerdings bezeugt. Es ift mehr
als Tradition, auch mehr als Ätmofphäre, was

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