Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Neue Bücher

beßren jeder Exiftenzberecßtigung, da fie nur
das Obfzöne betonen, von einer künftlerifcßen
Erotik jedoch nichts enthalten.
Anders Aubrey Beardsley, gleich Wilde eine
pervers veranlagte Natur, dabei einer der fen-
fibelften Künftler, der, foweit er auch feine Pßan-
tafie im Irrgarten der Liebe fcßweifen ließ, feinen
Vorwurf ftets zum Kunftwerk zu geftalten verftand.
mährend Beardsley in jede Linie einen Aus-
druck zu legen weiß, jede Geftalt ihrer Bedeutung
gemäß zu cßarakterifieren vermag, jede Hand-
lung in den paffenden Rahmen ftellt, hat Bayros
alles auf eine Formel reduziert. Woßlfrifierte,
dünnbeinige, kleinfüßige Frauen mitfad-füßlichem,
konventionellem Lächeln erfcßeinen mit geleckten
jungen Herren als Cräger feiner Darftellungen,
die in ihrem übertriebenen Streben nach Linien-
rhythmus unmittelbar an den Jugendftil an-
knüpfen. Es ift ein verftecktes Kokettieren mit
dem Lasziven, wo Beardsley ohne Scheu vor
aller Welt von den leßten Dingen den Schleier
hinwegzieht.
Diefe verlogene Kunft hat in Rudolf Hans
Bartfeh einen gleichgefinnten Interpreten ge-
funden. Nur der Verfaffer bitterlicß-füßlicßer
Liebesgefchichten konnte den Bayrosfchen Ge-
ftalten entnehmen, was er felbft am liebften aus
feinen von H'mbeerfaft dureßftrömten Helden
herausgelefen wiffen möchte: „geiftigen und
feelifchen Gehalt“. P.-N.
Neue Bücher
Engli fd) ~ amcrikanifclje Kunft-
literatur
I. C. F. Bell: Drawings by tF)e Old
Masters in tlje Library of Christ
CHurcf) Oxford1
Der vorliegende Band entfpriebt einem längft
empfundenen Bedürfnis nach einem erfeßöpfen-
den, befeßreibenden Verzeichnis der in der Biblio-
thek des Christ Church College in Oxford be-
findlichen Handzeichnungen alter Meifter. Dem
Katalog find 125 hervorragende Reproduktionen
der wertvollften Blätter beigefügt und in der
Einleitung gibt Bell die intereffante Gefchichte
diefer eigenartigen Sammlung, welche infolge
teftamentarifcher Beftimmungen des Donators
feit dem Jahre 1765 faft unzugänglich war. Den
erften Bericht veröffentlichte Paffavant im Jahre
1836, während Waagen im Jahre 1854 im wefent-
lichen nur einen Auszug aus dem von Paffavant
1 Oxford at tl)e Clarendon press 1914.

Gefagten gibt. 1868 nahm Sir Charles Robinfon
eine genaue Durchficht der ungefähr 2000 Hand-
zeichnungen vor. Erft 1900 wurde mit einer
fachgemäßen Ordnung der 3eicßnungen be-
gonnen, die erft im Jahre 1913 zum Abfchluß ge-
langt zu fein feßeint. Der Verfaffer des vorliegen-
den Buches hat als Erfter eine kritifeße Würdi-
gung der einzelnen Werke in Angriff genommen,
bei welcher es fieß ßerausftellte, daß der eigent-
liche Wert der Sammlung in den Handzeicß-
nungen von Meiftern der Früßrenaiffance liegt,
während die größte 3aßl der als Arbeiten be-
rühmter Meifter der Hocßrenaiffance benannten
Werke fieß als Fälfcßungen oder Kopien er-
wiefen oder infofern fie eeßt waren, doch als
minderwertig erkannt werden mußten. Von
ßöcßfter Bedeutung find indeffen die zahlreichen
Landfcßaftsftudien italienifcßer und flämifcßer
Meifter des 17. Jahrhunderts fowie die Serie de-
korativer Entwürfe. Überhaupt liegt der Wert
der Sammlung weniger in einzelnen Meifter-
werken als in ißrer repräfentativen Bedeutung
für die allmähliche Entwicklung der grapßifcßen
Kunft von den italienifcßen Primitiven bis zu
Carlo Maratta.
II. Ridjter: F)andbookoftt)eClassical
Collection 1
Das Metropolitan Mufeum ift im Befiß einer
zwar nießt großen, aber forgfältig ausgewäßlten
Sammlung antiker Kunftwerke. Die relative
Kleinheit der Sammlung geftattete die cßrono-
logifcße Ordnung der Kunftwerke, gemäß welcher
jedes 3>airner einen fcßnellen Überblick über das
gefamte Kunftfcßaffen innerhalb eines beftimmten
3eitraumes gewährt. G. Richter konnte darum
ißren Füßrer durch die erft 1917 eingerichtete
Abteilung für klaffifcße Kunft in Form einer
kurzen Gefcßicßte der griedufeßen undrömifeßen
Kunft feßreiben. Die Arbeit ift wertvoll, da fie
uns einen Überblick gewährt über die im Me-
tropolitan Mufeum enthaltenen antiken Kunft-
fcßäße. Reichliche Illuftrationen bieten ein fcßäß-
bares Vergleidjsmaterial. Von befonderem In-
tereffe find die Abbildungen der bronzenen
Statuette eines jugendlichen Diskuswerfers um
480 v. Cßr., deffen Haltung und Formgebung auf-
fallend an Stuck erinnert. Die bronzene Sta-
tuette eines Springers zeigt ein bisher in der
antiken Skulptur unbekanntes Bewegungsmotiv.
Aus römifeßer 3eit befißt das Mufeum die feßö-
nen Fresken aus Boscoreale und mehrere gute
Werke der Bronzeplaftik, fo eine Figur der Kybele
auf ihrem von Löwen gezogen Wagen, einen
1 Cße Metropolitan Museum of Ärt. New York 1917.

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