Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Von WILLI WOLFRADT

Das Dingtum der Plaftik

Gemalte Bilder find Gaukelfpiele. Daß fie überhaupt die Leinwandfläcße brauchen,
ift ißr Flucß. Die Gegenständlichkeit der Leinwand ift ißrem traumhaft luftigen,
immateriellen (Hefen ein leidiger, verfälfcßender 3wang.
Demgegenüber ift das plaftifcße Bildwerk feinem tiefften (Hefen nacß dingßaft. Es
fteßt da, wirft Scßatten, will angefaßt, abgetaftet, in der Band gewogen fein, oder
docß mit den Blicken auf feine Schwere ßin geprüft werden. Es ift eine Leibhaftig-
keit, ein Ding.
Die Cragik, der Flucß des plaftifcßen Kunftwerks befteßt darin, daß es als Ding
gezeugt ift, und docß nur als Bild lebt. Denn ein Kunftwerk lebt eigentlich für die
Scßauenden und in den Scßauenden. Dafein ßinficßtlicß der Scßaubarkeit nennt man
ja „künftlerifcßes Dafein“. Soweit die Scßaubarkeit in Betracßt gezogen ift, wird ein
Cifcß, ein Naturding, eine geiftige Geftaltung zum Kunftwerk. Das Kunft-Ding, oder
das Ding als Kunft, lebt als Bild. Selbft wenn wir es, wie es Kinder tun oder (Hilde,
in den Mund ftecken, um uns feines Beßßes zu verßcßern, ßaben wir nur fein (in
diefem Falle eben nur nicßt mit dem Geficßtsfinn aufgenommenes) Bild.
Freiließ fteßt eine (Haßl uns frei angefießts einer Skulptur. (Hir können das Bild des
Kunft-Dinges auf feine Dinglicßkeit oder auf feine Bildßaftigkeit ßin betrachten. Der
Künftler kann es dementfpreeßend fo einrießten, daß fieß uns im Bilde das Ding ver-
mittelt, oder fo, daß das Ding im Bilde erft feinen Sinn bekommt. Mit anderen (Horten:
er ßat bei der Äbfaffung des bildlich erfeßeinenden Dinges die (Haßl, ob der Bedeu-
tungsakzent in dem Bilde, das wir feßen, auf einem Daßinterliegenden rußt, und das
Sicßtbare damit zu einer dienend untergeordneten Rolle befeßieden ift, oder ob der
(Hert auf die Sichtbarkeit felbft gelegt und fie als die Spracße, die Kulmination, die
Krönung eines in ißr verborgenen Dinglichen erfaßt werden kann.
Das Ding des plaftifcßen Kunftwerks ift wie eine Dämmerung zwifeßen Nacßt
des Seins und Hag des Scßeins gefeßt. Bei uns oder bei dem Künftler (was auf das-
felbe ßinausläuft, denn im Grunde find wir und der Künftler ftets einig, was nur
nicßt immer wirkließ befolgt wird), alfo fteßt es, ob es einer Morgen- oder einer
Abenddämmerung gleichen foll. Das ßeißt: ob fieß fein Bild als Symbol eines vom
Grunde des Seins fieß ablöfenden Entfaltens, oder eines zum Grunde ßin fieß Be-
finnenden lefen laffen foll. Das Ding ift ein Gefcßeßen auf der Grenzlinie zwifeßen
dem Feften und dem Meer. (Hir können es als Landung deuten oder als Äufbrucß.
(Hir erft, Schaffende und Scßauende, geben dem Gefcßeßen „Ding“ feine Bedeutung,
feine immanente Gravitation. Die realifierte Körperlichkeit des Kunftdinges bettet fieß
zwifeßen Vorftellung und Bildwirkung, das Sein zwifeßen Geburt und Erfcßeinung als
eine Pßafe des Übergangs, als Entwicklungsftadium. Je naeßdem in welcßer Ricßtung
Entwicklung es dureßmeffend gedaeßt, gewollt wird, wird fie Ausdruck einer Seßn-
fueßt nacß der Quelle oder nacß der (Heite, nacß dem Scßoß der Dinge oder nacß
ißren Möglichkeiten, nacß dem (Hefen oder der (Hirkung.
Das find demnaeß die beiden grundverfeßiedenen Möglichkeiten der Einteilung oder
Auffaffung vor der fubftanziellen Körperlichkeit und alfo aueß vor der Plaftik: das
Ding als das (Hefen deffen anzufeßen, was unfer Auge uns anmeldet und vorfüßrt,
oder als Baus nur, in dem fieß das eigentlich (Hefentlicße noeß verbirgt. Oder — was

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