Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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dasfelbe befagt —: das (tiefen der Dinge, alfo das (Hefentliche eines plaftifd)en (ilerks,
in itjrer Körperlichkeit oder jenfeits derfelben, ja gegen diefelbe gerichtet zu erkennen.
Im Stil einer Epoche wird die von ihr getroffene (datd zur deutlichen Geftalt. Die
Kunft ift Mitteilerin der Entfcheidung des 3eitgei[tes. Die Plaftik fprid)t fie am unver-
hüllteften aus. Denn wenn auch das plaftifche Ding nur als Bild zu uns gelangen
kann, fo ift doch fein Bild nicht wie das gemalte Bild von vornherein als Suggeftion
determiniert, ift nicht vifuelles Bild eines (gemalten) Bildes, fondern Bild eines Dinges
felbft, unmittelbares Bildgefchetjen. (Die ard)itektonifd)e Geftaltung, die uns ebenfalls
im unmittelbaren Bild eines Dinges zukommt, fprid)t fid) über die Entfcheidung weniger
deutlich, zweideutig aus. Denn die Stellung des Menfchen zum Gebäude ift labil, weil
es uns bald zwar als Ding gegenüberfteht, bald aber uns umgibt, nämlich wenn wir
es betreten haben. Dann aber find wir mehr fein Ding, als es das unfere. Das
plaftifche Ding jedoch ift in feinem Verhältnis zum Menfchen völlig eindeutig beftimmt,
fo daß fiel) die Problematik feiner verfchiedenen Gravitationsmöglichkeiten frei ent-
falten kann.)
So ftehen wir alfo vor dem plaftifchen Kunftwerk als dem Gleichnis des Dinges
überhaupt und fuchen die Entfcheidung hinpepdid) feiner geheimen Celeologie. (dir
ftehen vor einer klaren Disjunktion, derfelben, die im Grunde jeder antitl)etifchen Frage-
ftellung liegt und vor allem mit der Spaltung des Stilkosmos nach Klaffik und Barock
im weiteften, im überhiftorifchen Sinne identifch ift. Das in fiel) felbft zurückverweifende
Kunft-Ding offenbart das Sein, das über fid) pmausweifende das dem Sein PJinzu-
kommende, die 3ukunft, das (üerden und ((landein.
(dir haben die Maffe und die Gebärden zu unterfcheiden. Die Maffe des Steins,
der maffive Block, das ift der Ausdrucksfaktor, in dem das Sein fpricht. Geftus: das
ift der Inbegriff der Akzidentien, die über das feßiere Sein hinausweifen. Mag ein
Leib fid) gebärden wie er will, er bleibt derfelbe Leib. Aber ift er auch in jeder Ge-
bärde derfelbe, fo verändert er doch mit ihr feine Erfcheinung. Geftus und Er-
fd)einung gehören zufammen! Das Sein des Blocks: das ift Laft, das ift Schwere,
das ift Undurchdringlichkeit; — der Ausdruck aber, der mimifche Geftus fet^t fiel) dar-
über hinweg, macht den Stein fchweben und fließen. Seinsftrebiges Kunftwollen denkt
an den Kubus, fammelt und feftigt die Form zum elementaren Block; und daß durch
das (Hefen des Steins diefer Fjang zum Element ftets der Plaftik mehr oder weniger
erhalten bleiben muß, gibt ißr den tief konfervativen Charakter. Die Gebärde aber ift
das Organ der dynamifd)en Kräfte, ift der revolutionäre Faktor in der Plaftik. Sie
bedeutet ftets einen Exzeß, eine Durchbrechung des natürlichen Gefe^es des Steins.
((Io fie vorherrfd)t, hat ein illufionäres, unendlich gerichtetes, ausdruckgieriges Stilwollen
die Oberhand.
So könnte man von der Plaftik der Gegenwart ein unerhörtes Entdinglichen, ein
Auflöfen der Maffe zu lauter Geftus erwarten. Aber fo fet)r auch die Empfindung
heute alles Fefte in Gärung verfemt, die 3eit trägt in kaum auszuhaltender ßoehfpan-
nung jeder Kraft die Gegenkraft entgegen. Den auflöfenden Cendenzen widerftreiten
ftrenge (dünfd)e nach 3urammenfaffung, Elementarifation und Syntheps. Die vom Auf-
fchwung der Naturwiffenfchaften im XIX. Jahrhundert wohl weniger verurfad)te als von
ihm als einer Folgeerfd)einung begleitete Cendenz zu Beobachtung und 3erlegung, Ver-
vielfältigung und lebhafter Affoziation, die fid) künftlerifd) im Naturalismus oder Im-
preffionismus ausgefprod)en hat, fetjt fid) zwar heute noch fort, aber nicht ohne das
gegenfätjliche Streben in fid) aufzunehmen nach Summierung, Vereinheitlichung und

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