Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Die 3ßit und der Markt

Kunftpolitik
Das Luxus ft euergefet}
Der Reichstag hat in feiner Sitjung vorn 30. Juli
1920 die von derNationalverfammlung am 24. De-
zember 1919 befcßloffene Luxusfteuer von 15°/0
auf Originalwerke der Plaftik, Malerei und Gra-
phik bei unmittelbarem Verkauf vom Künftler
an den Kunftfreund mit tüirkung vom 1. Januar
1920 an aufgehoben und fomit felbftizu erkennen
gegeben, daß die Frage der Besteuerung von
Kunftwerken trotj der Debatten in der ehemaligen
Nationalverfammlung dringend der Revifion be-
darf. So [wie die Dinge jetjt liegen, kann das
Gefetj aber auch nicht beftehen bleiben, denn
es bedeutet den fieberen Ruin der Händler
moderner Kunft, die doch in gewiffem Sinne als
Pioniere der Kunft zu gelten haben, üüenn auch
die Frankfurter jeitung fchreibt, daß „nunmehr
den berechtigten Intereffen der Künftlerfcßaft in
vollem Maße Rechnung getragen“ fei, fo halten
wir dies für einen gewaltigen Irrtum. Ciler macht
die Propaganda für den Künftler? ttler zeigt
feine neueften Schöpfungen in den verfeßieden-
ften Städten? Der Künftler findet nur feßwer
den CUeg zum Publikum undjwird durch diefe
Maßnahmen, die dem Fjändler eine Luxusfteuer
von 15°/0 aufbürdet, ihn alfo vom Markte ver-
drängt, beftenfalls bis zur Lokalgröße gedeihen.
Die Abwicklung der Gefcßäfte, die den meiften
Künftlern zuwider ift, und von der fie größten-
teils nichts verftehen, behindert fie im unge-
ftörten Schaffen und bringt eine tlnruße in die
Ateliers, die gerade von diefen Oafen des ttlelt-
getriebes ferngehalten werden müßte. Aber auch
den Kunftvereinen und Kunftausftellungen foll
Steuerbefreiung für die von ihnen erzielten Ein-
nahmen aus |dem Verkauf von Kunftwerken nicht
gewährt werden! Mithin find dem Künftler
fämtliche Kanäle verftopft, wodurch er aufs
empßndlichfte gefchädigt, der Handel und das
Ausftellungswefen aber völlig [ruiniert wird. Das
Luxusfteuergefetj bedeutet, daher trolj feiner Ab-
änderung durch den Reichstag die Erdroffelung
unferer Kunft und kann von ungeahnten Folgen
für unfer gefamtes Kulturleben werden. Gibt
es denn keine einfichtsvollen Gefetjgeber mehr
in der deutfehen Republik, die [erkennen, daß
der materielle Gewinn an Steuereinnahmen in
gar keinem Verhältnis zu der ungeheuren Gefahr
an geiftiger Verarmung fteht, der wir ohne
fddeunige gründliche Änderung des gefamten
Luxusfteuergefetjes rettungslos verfallen müffen?
Sch.

Sammlungen
Hamburger Kunfttjalle
Durch das Vermächtnis von Frau Dr. Groplo-
wife ift unfere an Franzofen fo arme Sammlung
wefentlid) bereichert worden. An erfter Stelle
fteht Corots „La femme ä la rose“ (im Katalog
von Alfred Robaullt unter Nr. 1421 als La femme
assise aufgeführt). Das in den feeßziger Jahren
entftandene Bild zeigt den Figurenmaler Corot
in feinem vollften Glanz, ttlie aus bräunlichen
und grünen Cönen das öüeiß des Hemdes und
der volle Nacken der jungen Frau auftauchen,
ift von hinreißender Schönheit. Die Rofe, die
fie mit der rechten Hand an die Bruft drückt, die
lang herunterhängende Koralle im Ohr und die
matten Fleifchtöne bringen einen lebendigeren
Klang in die bedeckte Harmonie. Corot war bis-
her nur mit einer Flußlandfchaft in der Kunft-
halle vertreten; in Hamburger Privatbefilj be-
ßndet fid) das feßöne Bild eines Mönchs von
Corot, füllte, wie zu wünfehen ift, auch diefes
einft der Kunfthalle zufallen, fo wäre Corot als
Figurenmaler in keiner öffentlichen Sammlung
Deutfcßlands fo gut wie in Hamburg vertreten.
Von Renoir ift ein Blumenftilleben von 1881
dazugekommen. Aus dem blauen Steinkrug
wachfen weiße, gelbliche, rofa und dunkelrote
Rofen und feßwere gefüllte Ranunkeln auf, in
den tiefblauen Blüten rechts klingt das Blau der
Vafe noch einmal an. Noch bedeutender ift das
Bildnis der Madame Leriaux (1882). Das feßim-
mernde Blau-Gelb im Vorhang von einem un-
wirklichen perlmutterfarbenen Con, der lachs-
farbene Hintergrund, erdbeerfarbene Cöne im
Polfterftußl und das Gewoge von ttleiß, Rofa
und Blau im Kleid bilden eine wundervolle Ein-
heit mit dem emailartigen Glanz des Puppen-
gefießtes und den rußig im Schoß verfeßränkten
Händen der jungen Frau. Renoir war bisher in
der Kunfthalle nur durch die lebensgroße „Rei-
terin im Bois de Boulogne“ (1873) vertreten, das
Bild von Frau Leriaux wirkt in vielem „renoir-
ßafter“. — Sisleys „Seineufer“ (1879) ift in
feinen malerifchen ttlerten, im 3ufammenklang
von Blau, Gelb-Grün und duftigem ttleiß be-
deutender als unfer „Kornfeld“ (1873). Picaffos
bekannte „Abpnthtrinkerin“ fällt in ißrer feßwer-
mütigen Linienführung aus dem Gefamtcßarakter
der Sammlung Eroplowilj heraus, die vor dem
Expreffionismus Halt gemacht hat.
Liebermanns „Eva“ von 1883 (vonDr.Crop-
lowilj aus der Sammlung Eugen Kalkmann,
Hamburg, erworben) bringt in ißrem farbigen

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