Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Impreffionismus und Expreffionismus
Von PAUL COHEN-Portheim

Der Gegenfaß zwifcßen dem Expreffionismus, welcher — fo fagt man — der fee-
lifche Ausdruck unferer revolutionären 3eit ift, und dem Impreffionismus, den er
abgelöft und überwunden hat, fctjeint klar, einfach) und abfolut, wie es ja auch)
fch)on aus den Namen der beiden Richtungen hervorgeht. — Der impreffionift gel)t
vom äußeren Schein aus, von ißm erhält er den Eindruck: die Impreffion, und indem
er diefe wiederzugeben fucßt, fcßafft er ein Abbild der Natur; der Impreffionift ift ein
Naturnachahmer. Der Expreffionift verachtet diefen äußeren Schein; fein Ulerk ift die
Expreffion, der Ausdruck der Gefühle, die aus feinem tiefften Inneren, aus feiner Seele
ftammen; nicht die Natur, fondern fein eigenes Ich) will er bildlich) geftalten.
Diefe Darftellung ift klar, einfach) und falfch), wie es alle auf abfoluten Gegenfäßen
aufgebauten Cßeorien find, wobei noch) zu bemerken ift, daß an und für fich alle
Kunfttßeorien unbefriedigend find, weil das (Uefentlicße der Kunft, das perfönlicße Element
fich) nur durch) 3wang in eine Cßeorie preffen läßt, weil es eben das Leben felbft ift.
„Kunft“ ift ein Begriff, wir kennen fie aber nur aus ihren Ulerken. Impreffionismus
und Expreffionismus find thjeoretifcße Begriffe; Kunftwerke, die fich) mit diefen reftlos
decken, gibt es nicht, denn das Kunftwerk ift nicht ein Stück Eßeorie, fondern ein
Stück Leben.
Aber nicht nur für allgemein unbefriedigend, wie es im (Hefen der Qjeorie liegt,
fondern für ganz befonders unrichtig halte ich die Anficht, daß Impreffionismus und
Expreffionismus Gegenpole darftellen.
Bei meinen Erörterungen hierüber gehe ich von der Malerei aus, weil gerade in ihr
der Gegenfaß beider Richtungen der ausgefprochjenfte und eigentlich erft von ihr aus
auf andere Künfte übertragen worden ift.
Die impreffioniftifche Kunfttheorie ift von 3ola formuliert worden. (Er war Freund
und Vorkämpfer der Malergruppe, die fich um Manet gebildet hatte, und die fpäter
unter dem Namen der Impreffioniften berühmt wurde): „Ein Kunftwerk ift ein Stück
Natur durch ein Cemperament gefehen.“ — 3olas urfprüngliche Phrafe war: „un coin
de creation, vu a travers un temperament“, erft fpäter feßte er ftatt „creation“
„nature“, wohl weil ihm der erfte Ausdruck zu gläubig erfcßien; gerade diefes eine
(Hort „Natur“ hat aber fehr viel Mißverftändniffe verfcßuldet. — Die Gegner des Im-
preffionismus gehen gerade von diefem Wort aus, wenn fie denfelben als Naturnach-
ahmung bezeichnen (das „temperament“ laffen fie überhaupt unerwähnt). — Der Im-
preffionift betrachtet einen Ausfchnitt der Schöpfung durch fein „temperament“, durch
feine Seele und fcßafft fo ein neues Stück „Schöpfung“; die Natur gibt ihm unmittel-
bar den Anftoß zu einer Neufcßöpfung. Der Expreffionift dagegen geht (feiner ütieorie
nach) vollkommen unabhängig von der Natur zu Ulerke. Der Antrieb entftammt feinem
Inneren (feinem temperament), und fo entfteht eine von der Natur unabhängige Neu-
fchöpfung.
Das (Uefentliche aber ift, daß in beiden Fällen das Kunftwerk eine Neufcßöpfung
ift. Bloße Naturnachahmung ift weder Kunftwerk, noch Schöpfung, fie ift fogar eine
Unmöglichkeit (tjöchftens könnte ße auf mechanifchem Hie ge erreicht werden). Die
Hlerke eines Manet oder Claude Monet haben damit natürlich auch nicht das geringfte
zu tun. Selbft wenn man die Chefe des Expreffionismus gläubig hmnehmen und feine
Unabhängigkeit von der Natur zugeben wollte, bliebe alfo auf alle Fälle die Definition

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