Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Die 3eit und der Markt

Kunftpolitik
Ruffifdje Kunftpflege
tlnter diefem Citel berichtet die in Kunftdingen
immer ausgezeichnet unterrichtete Neue 3ür. 3tg.
vom 19. Äuguft wie folgt:
Seit etwa zwei Jahren fteht der bekannte
ruffifche Maler Igor Grabar an der Spitze der
Verwaltung der Kunftfammlungen in Rußland.
Grabar hat fid) durch wiederholte Husftellungen
feiner Bilder befonders in Italien einen Namen
gemacht, und auf Grund früherer Bekanntfdjaft
hat fid) kürzlich der italienifche Journalift ögo
Ojetti mit der brieflichen Bitte an den Direktor
der ruffifd)en Kunftfammlungen gewandt, ihm
über den derzeitigen 3uftand der großen ruffi-
fd)en Mufeen, der Eremitage, der Sammlungen
im Kreml, der koftbaren Privatfammlungen und
der Denkmäler einen möglichft eingehenden Be-
richt zu erftatten. Grabar hat der Bitte des
italienifchen Freundes mit einem ausführlichen
Brief entfprochen, in dem er über die Kunft-
pflege in Sowjetrußland intereffante Einzelheiten
mitteilt. Fürs erfte hatte es fich angepchts des
Chaos, das die Revolution und die durch pe
bewirkte 3erftörung herbeigeführt hatte, darum
gehandelt, den koftbaren Kunftbefitj in Sicher-
heit zu bringen. Man mußte in den durch Feuer
zerftörten Städten die Bilder fammeln, die von
Plünderern geraubten Kunftgegenftände wieder
herbeifd)affen und dazwifchen dem ungebildeten
Volk zu Gemüte führen, welchen unfd)ät)baren
ttlert jene ttlerke der Kunft und 3ivilifation für
Rußland hätten. 3el)ntaufende von Kunftwerken
wurden damals aus den entlegenften Cüinkeln
des Reiches in die großen Städte gebracht und
zu einem einzig daftehenden Kunftmufeum ver-
einigt.
Nachdem das erft einmal gefcpehen war, ging
man daran, die CLlerke an die einzelnen Städte
zu verteilen und überall ftädtifche Mufeen zu
fchaffen, die einen möglichft umfaffenden Über-
blick über die alte und moderne ruffifche Kunft
zu geben geeignet waren. Man fertigte weiter-
hin Kataloge an, verbot die Husfuhr von Kunft-
werken und begünftigte in jeder ttleife die
künftlerifche Forfchertätigkeit. Hand in Hand
mit diefer wiederaufbauenden Ärbeit ging die
Sorge, um jeden Preis die altruffifche Architektur
und Malerei, die Fresken und Heiligenbilder der
Kirchen vor dem Verfall zu fchütjen. ÜLIer vor
dem Kriege und der Revolution in Rußland reifte,
weiß aus eigener Änfchauung, welch unermeß-
licher Schaden den Meifterwerken der national-

ruffifchen Malerei aus dem orthodoxen Glaubens-
eifer erwachfen ift, der nicht zulaffen wollte, daß
die 3eit ihren farbenbleichenden Einfluß auf die
Heiligenbilder ausübte. Die Bilder füllten immer
in leuchtenden Farben prangen und fd)ön aus-
fehen, und in der kleinften Crübung des Bildes
faß man bereits fo etwas wie die Verächtlich-
machung der Gottheit, die durchaus mit hell-
leuchtenden Gewändern bekleidet fein mußte.
Deshalb wurden alle Freskobilder, Cempera- und
Ölgemälde von 3eit zu Seit neu übermalt, alle
gefirnißt, kurz, fo vollftändig von Grund aus
renoviert, daß man feiten von ihrer urfprüng-
lichen Schönheit noch Spuren zu entdecken ver-
mochte. — Mit der Befeitigung der Äutorität
der Kirchenbehörden erhielt die Sowjetregierung
und ihr künftlerifcher Beirat Igor Grabar endlich
freie Hand. Das religiöfe Bild ift jeljt vor allem
ein Kunftwerk geworden, und die „Kommifpon
für die Erhaltung und die Entdeckung künftle-
rifcher Bildwerke“, die im Mai 1918 ins Leben
gerufen worden ift, hat nach diefer Richtung fo
energifd) gearbeitet, daß allein aus der byzan-
tinifchen Kunft der 3eit der Herrrd)er aus dem
Haufe Komnenos, von der Mitte des 11. bis
zum Ende des 12. Jahrhunderts, wahre Kleino-
dien entdeckt oder, richtiger gefagt, von der
bedeckenden Hülle von fünf bis zehn Über-
malungen befreit werden konnten. Es handelt
fid) dabei nach der Verficherung Grabars um
Schäle, die dazu angetan find, das Studium der
Gefd)id)te der Kunft jener 3eüperiode auf eine
ganz neue Grundlage zu ftellen. Die denkwür-
digfte Entdeckung diefer Hrt ift die einer Reihe
von Fresken aus dem Ende des 11. Jahrhun-
derts, die das jüngfte Gericht darftellen. Diefe
Fresken, die zweifellos von griechifcher Hand
ftammen, befinden fich in der berühmten Kathe-
drale des heiligen Demetrius in ttlladimir an der
Kljasma und find in der Huffaffung den merken
von Corcello (Venedig) auffallend ähnlich.
Bode über die Auslieferung des
Genfer Hitares
Im neueften Heft der „Berliner Mufeen“ ver-
öffentlicht ttlilhelm Bode folgende Erklärung:
„Hm 2. Juli mußten die zuständigen deutfcßen
Behörden auf Grund des Hrtikels 247 des Ver-
failler Friedensvertrags die Herausgabe der zwölf
Cafeln des Genter Hltars der Brüder van Eyck
und der vier Flügelbilder des Löwener Hltars
von Dirk Bouts an die dafür aus Brüffel gefandte
belgifche Kommifpon bewerkftelligen. Der Unter-
zeichnete Generaldirektor der Berliner Mufeen
hatte im befonderen Huftrage des Kaifers für

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