Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Ändre Derain

Mit 12 Abbildungen / Von DANIEL HENRY

Kein Vorbild kenne icß, nütjlicßer dem Deutfd)land der Stunde, als Ändre Derain.
Äucß geiftig beftand die Blockade, die ficß um Deutfcßland fcßlang. 3ur Inzucht
wurden die bildenden Künfte gezwungen durcß diefe Kriegsjaßre. Kein fremdes
Blut frifcßte auf. Has gefcßaß? Daß, was Beifpiel von außen nicßt aufkommen ließ
— oder docß zurückdämmte — nun üppig emporfcßoß: die Durcß feßung der Ma-
lerei mit Literatur.
Das nämlicß ift die große Gefaßr, die von je der deutfcßen Malerei droßte. Nie ßat
diefe ganz das klare Bewußtfein des ecßten plaftifcßen Moments befeffen; immer lief
fie Gefaßr, den plaftifcßen Äusdruck mit dem literarifcßen zu verwecßfeln. Denn
man glaube nicßt, daß diefer literarifcße Äusdruck ein Plus bedeute: jedem Herke der
bildenden Künfte knüpft er ficß an. GCIie füllte es möglicß fein, daß des Künftlers Er-
regung nicßt ficßtbar fein Herk duicßzittere? Stets wird fie ficß dem Befcßauer mit-
teilen. Äber nicßt fie ift es, die der Künftler anftreben foll, fondern die Darftellung
feines Gegenftands —, Formen, rein plaftifcß erfaßt, und gebändigt im Gemälde.
Binfenwaßrßeit ift das: docß ging diefe Binfenwaßrßeit vielen deutfcßen Malern in den
letzten Jaßren verloren. Das macßt: fie muß Deutfcßland ftets neu vor Äugen geßalten,
von außen gebracßt werden. Ißretwegen zogen Deutfcßlands befte Maler über die
Älpen und über den Rßein, jaßrßundertelang. Ißr Verluft war es, der die vielen, die
ißn erlitten, zu formlos-ausfcßweifendem Lallen verleitete. Scßön ift Überfcßwang der
Gefüßle, docß muß er, um andern ficß mitzuteilen, geftaltet werden im finnlicßen Stoff,
der der Mitteilung dient. Oft fcßwärmt man von „Äusdruck“ mit fcßäumendem Munde,
weil man, der Mittel der Malerei nicßt mäcßtig, nicßt zur plaftifcßen Geftaltung gelangte.
Has aber Geftaltung fei: kein Beifpiel kann es beffer leßren als das Ändre Derains.
Man ßat diefen Maler fcßon mancßmal in gewiffem Sinne deutfcß genannt. Selbft-
verftändlicß ift das, fo gefagt, falfcß. Gemeint war woßl, daß er nicßt Franzofe fei im
Sinne der zarten Grazie, des ßeiteren Canzfcßritts eines Fragonnard oder eines Renoir.
Seßr fcßwer und gewicßtig ift feine Kunft, wie er felbft. Grübeln und Müßen und
ßartes Scßaffen ift feine Ärbeit. Der feßr nücßterne, gar nicßt leicßtblütige Nord-
franzofe ift Derain. Bedäcßtigen Scßrittes geßt er einßer, als klebe nocß an feinen Füßen
die Scßolle der weiten pikardifcßen Ebene, aus der die Seinen ftammen. Es mag fein,
daß diefer Nordfranzofe wirkließ Deutfcßland näßer fteßt als der große, ßeitere Renoir.
Nicßt gleicßgültig ift aueß, daß er von Cranacß mit warmer Liebe fprießt. Sein Scßaffen
— eßer als das vieler anderer Franzofen — kann deutfcßen Malern den Heg weifen.
Eine Kunft weifer Klarßeit ift die Seine, ßjier ift ein Maler, der in Eßrfurcßt die
Formen und Farben des Gegenftands betraeßtet und liebt. Er, als erfter, drang dureß
zum waßren (Hefen Cezannes. Der Fortfeßer des Älten von Äix ift Derain: zwifeßen
jenen und den Kubismus wird ißn die Kunftgefcßicßte ftellen. In nackter Deutlicßkeit
ßat er das Grundproblem der Malerei erkannt, die Erfaffung der dreidimenfionalen
Mannigfaltigkeit der Körperwelt auf der Fläcße, in der Einßeit des Gemäldes. Der
Überwindung des Hiderftreits, den diefe Äufgabe in ficß feßließt, ift fein Lebenswerk
gewidmet. Häßrend aber feine Freunde Braque und Picaffo im Kubismus eine Lö-
fung fanden, die den gewoßnten optifeßen Eindruck vom Gegenftande beifeite läßt, um
diefen Gegenftand mit anderen Mitteln wieder erfteßen zu laffen, geftattet Derain dies
feine Eßrfurcßt vor der Körperwelt nicßt. Er will uns aueß den gewoßnten Änblick
der Körperwelt bewaßren.

Der Cicerone, XII. Jal)rg., Heft 8

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