Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Kunftpolitik

lungen erwünfcht wären. Sie fügten hinzu,
daß den Fjerren Karten für zwei Perfonen ganz
besonders erwünfcßt feien, mir wir Ihnen mit-
geteilt haben, find wir diefem ttlunfd) fofort
nachgekommen, obgleich wir vorher wußten,
daß die Herren auch künftighin von diefen
Karten keinen Gebrauch machen werden, da
uns das geringe Intereffe der Kunftkritiker für
Kunft bekannt ift. tüir legen trotzdem GCIert
darauf, den in der Lifte genannten Ferren zu
unfern monatlich wechselnden Kunftausftel-
lungen befondere Einladungen und Kataloge
zukommen zu laffen. Denn es dürfte Ihnen
bekannt fein, daß ganz befonders in der lebten
3eit Fälle vorgekommen find, in denen Berliner
Kunftkritiker in anderen Berlinef Kunftausftel-
lungen Bilder als funkelnagelneu entdeckten
und dem Berliner Publikum aufs höchße an-
priefen, die fie feit Jahren bei uns hätten fehen
können, wenn fie es nicht vorgezogen hätten,
unfere Kunftausftellung zu ignorieren. Ich
lege den größten Güert darauf, gerade ihnen
gegenüber.feftzuftellen, daß diefe totale Igno-
rierung auch weiter erfolgt. Es ift mir aus
diefem Grunde zwar unbegreiflich, warum ße
damals fo großen Ulert darauf legten, daß den
Herren befondere neue Karten zur Verfügung
geftellt würden. Da ich aber aus Gründen der
Beweisficßerung troßdem fortfahren werde,
den Fjorren Einladungen und Kataloge zu-
kommen zu laffen, bitte ich Sie um die Liebens-
würdigkeit, mir die Ädreffen der folgenden
Fjerren mitzuteilen, von denen Sendungen als
unbeftellbar zurückkommen.‘ “
Fjerr Paul Uleftheim:
„Ich perfönlich habe in den lebten Jahren, fo-
weit ich nicht durch Militärdienft oder ander-
weitige Behinderungen von Berlin abwefend
war, wohl jedeSturm-Äusftellung mir angefehen.“
Erwiderung des Sturm:
„Das ift wohl fehr vorfichtig gejagt, Ulohl
alle Berliner Kunftkritiker fcheinen fehr viel
anderweitige Behinderungen für die Äusübung
ihres Berufs zu haben.“
Fjerr Paul CUeftheim:
„CUenn ich über viele der häufig fehr minder-
wertigen Äusftellungen, zu denen auch die der
Frau Delaunay gehörte, nicht gefchrieben habe,
fo ift darin faft ein ülohlwollen dem Sturm gegen-
über zu erblicken. Der gleichen Huffaffung war
die Mehrheit jener Verfammlung des Kunft-
kritikerverbandes. hochachtungsvoll ttleftheim.“
Erwiderung des Sturm:
„Älfo die Mehrheit der Kunftkritiker, die faft
nie eine Sturm-Äusftellung fehen, beftätigt Fjerrn

tüeftheim, daß er diefe minderwertigen Äus-
ftellungen aus tüohlwollen totfchweigt. Es find
wohl hochwertige Äusftellungen, die Fjerr ttleft-
heim befpricht. So hat Fjerr CUeftheim in früheren
Jahren z. B. Chagall, Leger und Kandinsky be-
fprochen und die Bilder diefer Künftler unter
Aufwendung zahlreicher Schimpfwörter für lebten
Kitfch erklärt. Nun hat zwar in diefen und ähn-
lichen Fällen nicht der Sturm feine Künftler, fon-
dern Fjerr Uleftheim fein öUohlwollen geändert.
Es bleibt alfo die Frage, ob es für das Publi-
kum wefentlicher ift, die Entwicklung der Kunft-
kritiker als die Catfache der Kunft abzuwarten
oder mitzumachen. Qns fcheint es leider zweck-
mäßiger, die Subjektivität der Fjerren Uleftheim,
Stahl und Genoffen aufzureden, als die Objek-
tivität erkannter Kunftwerke wohlwollend tot-
zufchweigen, felbft wenn fie vom Verband Berliner
Kunftkritiker noch nicht anerkannt find.
Denkmalpflege in England
Vor einigen Monaten ging durch die 3eitungen
die fenfationelle Nachricht, daß Devonfhire
Fjoufe, die vornehme Stadtrefidenz desFjerzogs
von Devonfhire in London, ein Bauwerk von
Ulilliam Kent (um 1735), an eine amerikanifche
Spekulantenkombination verkauft werden follte,
die beabfichtigte, einen modernen Fjotelpalaft an
feine Stelle zu feßen. Diefe Unterhandlungen
fcheinen fich, wenn fie gepflegt worden find, zer-
schlagen zu haben. Äber Schlimmeres hat fich
bewahrheitet: Devonfhire IJoufe ift (mit dem da-
zugehörigen, nicht unbeträchtlichen Grundftück)
für die ungeheure Summe von 1 Million Guinees
von einem Londoner Kapitaliften und einem
Liverpooler Schiffsreeder angekauft worden, und
diefe beiden Ijerren glauben die meiften 3inTen
aus ihrem Gelde ziehen zu können, indem fie aus
dem Palaft der Fjerzoge von Devonfhire ein —
Kino von noch nicht dagewefener Pracht mit zu-
gehörigem mondänen Reftaurant und Canzfälen
machen. So gefchehen im Jahre des Fjerrn 1920.
* *
*
Die Kirchgemeinde der Londoner City leidet
an chronifcher Geldnot. Der Unterhalt der zahl-
reichen und, wie die Statiftiken ausweifen, zum
Ceil äußerft fpärlich frequentierten Kirchen ver-
fchlingt heute Unfummen. Nachdem verfchie-
dene Mittel, mit denen man hoffte, zu gefunderen
Verhältniffen zu kommen, fejjlgefchlagen find,
wurde nun im Gemeinderat der draftifche Plan
erörtert und dann mit erheblicher Stimmen-
mehrheit angenommen, daß neunzehn der am
wenigften befuchten Kirchen auf Äbbrud) ver-
kauft werden follen. Die zum Ceil recht großen

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