Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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©ER MJMMMMIJEK
Von Sammelwefeii und Ktmjlcreigtiiffcn

Der neue „Primitive“ des Prado VZ2UAbuidungenAYER
Vor einiger 3eit ging durch) die internationale Preffe die Meldung, daß in Spanien
ein Cafelbild von ungewöhnlich)er Schönheit und Bedeutung im Bändel aufgetaucßt
[ei, ein reicher Kunftfreund, D. Boracio Ectjevarrieta, es für 100000 Pefeten ge-
kauft und dem Prado einftweilen als Leihgabe zur Verfügung gestellt habe, bis die
Mufeumsleitung die Möglichkeit hätte, das Bild zu dem genannten Preis zu über-
nehmen. Die Begeiferung für die Dafel war in Madrider Kunftkreifen zunächst recht
groß, es wurden Vorträge über das Bild und feinen vermeintlichen Autor gehalten,
und die wenigen, die dem Bild felbft etwas kühler gegenüberftanden und den Preis
für außerordentlich übertrieben erklärten, gewiffermaßen als Störenfriede empfunden.
Inzwifcßen ift aber die allgemeine Begeiferung wefentlid) abgefaut, und es ift [ogar
fraglich, ob die inzwifchen eröffnete nationale Subfkription (die nötig ift, da bisher für
den Prado im Staatshaushalt kein Poften für Erwerbung von Gemälden vorgefehen
war) den gewünfcßten Erfolg hat.
Die mittelgroße Dafel (Äbb. 1) zeigt eine thronende Madonna in einer Balle, links den
heiligen Benedikt in einem Buch lefend, rechts den heiligen Bruno mit dem knienden
Stifter, der den weißen Mantel mit rotem Kreuz der Montefaritter trägt. Bisher hat in der
breiteren Öffentlichkeit nur D. Angel Sanchjez Rivero (in feiner Artikelferie der düochen-
fchrift „Espana“ Oktober/November 1919) den Mut gefunden, die <XIah)rheit über den
Ertjaltungszuftand und den Üdert der Dafel zu fagen. Kein 3weifel, die Dafel ift von
einem fehjr geflickten Reftaurator ungefähr zur Bälfte neu gemalt und der urfprüng-
lich)e herbere Charakter des Ganzen ins Bübfche, Niedliche und Gefällige verfälfctf
worden. Man wird der Perfönlichkeit des Malers ficher viel näher kommen, wenn
man [ich entfd)ließt, die umfangreichen Ergänzungen abzunehmen. Daß die Dafel
fpanifcß ift und nicht etwa italienifch), woran anfangs einige gedacht haben, ift fraglos.
Ebenfowenig kann wohl ein 3weifel darüber beftehen, daß der Autor der Valencianer
Schule angehört. Auf Valencia weift allein fchon die Art des Fließenbodens, vor allem
aber der ganze Stil, die befondere Mifcßung niederländifcßer und italienifcßer Elemente.
Dormo hat geglaubt, den Autor mit Rodrigo de Osona in nähere Verbindung bringen
zu können. Ich kann die Meinung des trefflichen Madrider Forfchers, daß das Bild noch
dem 15. Jahrhundert angehört, nicht teilen. Es ift ficher zu Anfang des 16. Jahrhunderts
entftanden, möglicherweife erft um 1510. Mit den gefieberten ÜJerken des älteren
Rodrigo geht das Bild nicht zufammen, noch weniger mit denen des jüngeren. Auf-
fallend ift die außerordentliche Liebe, die der Künftler dem Licht als formbildendem
Faktor zuwendet; man fühlt [ich in gewiffer (Ueife an Piero della Francesca erinnert.
Es ift jedoch fraglich, ob nicht ein guter Feil deffen, was den Befchjauer jeßt in diefer
Binficht fo fehr feffelt, auf das Konto des Reftaurators zu feßen ift. Malerifd) un-

Dcr Cicerone, XII. Jahrg., Heft 10

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