Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Die 3ßit und der Markt

K u n ft p o 1 i t i k
Ein Verfud) zur ttliederaufnaljme
der deutfdj-franzöpfdjen Kunft-
beziepungen
Kürzlid) ging folgende Notiz durd) die deutfd)en
3eitungen: „Die Section d’Or,die führende Gruppe
der jungen franzößfchen Künftler, der unter
anderem Derain, Braque, Ärd)ipenko, Gleizes
angeboren und die eben den Herausgeber des
Kunftblattes Paul Kleftheim in Berlin zu il)rem
Mitgliede ernannte, veranftaltete kürzlid) in Paris
eine große Äusftellung und will zur Kliederauf-
nähme der Beziehungen mit der deutfchen Künft-
lerfchaft demnächft aud) in Deutfd)land eine
Äusftellung machen.“
In der vorftehenden Faffung ift, wie unfer
Parifer Gewährsmann mitteilt, die Nachricht zum
mindeften irreführend, denn die Section d’Or
hat längft nicht mehr die Bedeutung, die ihr
noch vor einigen Jahren zukam. ürfprünglid)
war die Vereinigung eine Gründung von Gleizes,
Metpnger u. a. Derain hat der Gruppe nie an-
gehört und ebenfowenig Braque. Die Section
d’Or veranftaltete kürzlich eine größere, aber
unbedeutende Äusftellung in Paris, zu der
Braque lediglich aus Höflichkeit einige Bilder
hergeliehen hatte. Im übrigen enthielt diefe
Kunftfd)au nur Klerke von Gleizes und Metpnger
und dazu kubiftifdbe Ärbeiten dritten Ranges.
Es muß infolgedeffen zunächft bezweifelt werden,
ob gerade die Section d’Or in der Lage wäre,
mit Erfolg der Kliederaufnahme der künftlerifchen
Beziehungen zwifchen den beiden Ländern vor-
zuarbeiten.
Im übrigen tut man gut daran, allen derartigen
Verfuchen einzelner Gruppen gegenüber Referve
an den ’Cag zu legen. So erfreulich an pd)
auch folche Symptome einer Sinnesänderung find,
werden wir doch nicht eher aud) für die Kunft
irgendwie nennenswerte Refultate der Völker-
verföhnung erleben, bevor nicht die Politik im
großen die Annäherung der beiden Nationen
vorbereitet hat.
Die Schaffung von Äusftellungs-
fallen in Fjamburg
Ein kunftpolitifches Kapitel
Um aus dem Chaos zu neuer Blüte fid) durch-
zuringen, bedarf es mehr denn je der 3u-
fammenfaffung aller geiftigen und künftlerifchen
Kräfte. In Hamburg genügen die Räume der
Kunftfalons bei weitem nicht, um der gefamten

Hamburger Künftlerfchaft Gelegenheit zu geben,
ihre ttlerke dem Publikum zur Kenntnis zu
bringen, daher wurde die Notwendigkeit der
Schaffung von Kunftausftellungsräumen in Ham-
burg fchon vor dem Kriege allfeitig anerkannt
und führte feinerzeit zu einem Projekt für ein
Kunftausftellungsgebäude auf dem Platz, wo das
Sd)iilerdenkmal fteht. Die Künftlerfchaft hatte
fid) damals in ihrer Not, da kein anderer Platz
erreichbar, für dies Projekt eingefe^t, aber fid)
der Erkenntnis nicht verfd)loffen, daß dies Pro-
jekt keinesfalls den Anforderungen entfpreche,
da es zu wenig Raum biete, keine Erweiterungs-
möglichkeit zulaffe und kein Freigelände vor-
handen fei, das für monumentale Plaftik und
kleinere notwendig werdende Äusftellungsbauten
fo dringend erforderlich fei.
Durch die Vereinigung der 3iele des Grün-
dungsausfchuffes der Hamburger Baumeffe mit
denen des Ärbeitsausfchuffes für ein Äusftellungs-
gebäude war die Grundlage gegeben für den
3ufammenfd)luß aller Beftrebungen zur Schaf-
fung geeigneter Äusftellungsftätten in Hamburg.
Diefe Äusftellungshallen follen zu einem Mittel-
punkt für norddeutfches Schaffen und boden-
ftändige norddeutfche Kunft werden. Die Äus-
ftellungshallen follen der Qualitätsarbeit dienen,
die 3ufammenarbeit von Kunft und Handwerk,
Induftrie und Handel, Ced)nik und Kliffenfchaft
fördern. Es follen gezeigt werden die Bau-
ftoffe, die altbewährten und die neuen Erfatj-
bauftoffe, die Baukonftruktionen und Bauweifen,
die Erzeugniffe befter Handwerks- und kunft-
gewerblicher Arbeit und fchließlid) auch die
edelften Blüten bildender Kunft. Die realen
Grundlagen, die Materialnot, die Ärbeitsnot, die
wirtfd)aftlid)fte Ausnutzung unferer Rohftoffe
und befte technifche und künftlerifche Verwertung
follen auch dem Laien faßbar vor Äugen geführt
werden. Die fozialen Aufgaben: die VolLs-
hygiene und insbefondere die 3'iele des KIof)n-
und Siedlungswefens follen eingehend behandelt
und durd) Mufterbauten mit Muftergärten, aus-
geftattet mit allen Einrichtungen, die für ein
gefundes, wohnliches Heim erforderlich find, in
der Abteilung „Die Volkswohnung“ gegenftänd-
lich vor Äugen geführt werden. Architektur und
Kunftgewerbe, Malerei, Bildhauerei und Garten-
kunft werden zu gemeinfamem Klirken zu-
fammentreten, um das 3iel zu erreichen, das
uns fo bitter not tut, eine Einheitlichkeit aller
künftlerifchen Lebensäußerungen, die das Kiefen
ausmad)t, der gefcßloffenen Einheit aller großen
Kulturepochen früherer 3eit.
Die fchwer durch den Krieg betroffene Künftler-

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