Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Kunftpolitik

fchaft bedarf weitgehendfter ünterftü^ung, [ollen
nicht unzählige Begabungen wegen Mangel an
Äufträgen zugrunde geben. Malerei, Plaftik,
Kunftgewerbe, Architektur und Gartenkunft muß
wieder Gelegenheit gegeben werden, fid) zu-
fammenzußnden zur Veredelung deutfd)er Ar-
beit im Sinne des deutfchen ttlerkbundes. Ham-
burg, als die zweitgrößte Stadt des Reiches muß
neben feiner Univerfität auch endlich eine Bil-
dungsftätte für die Kunft haben, befitjen doch
andere deutfche Großftädte fchon lange bedeut-
fame Ausftellüngsräume. Durch den Mangel an-
gemeffener Ausftellungsräume ift Hamburg rück-
ftändig geworden und unferer begabten und
angefehenen Künftlerfchaft ift dadurch auch in
anderen Großftädten die Ausftellungsmöglid)-
keit ihrer Klerke erfchwert worden, da Fjam-
burg der auswärtigen Künftlerfchaft keine Aus-
ftellungsräume bieten konnte.
Der Hamburger Staat hat nun auch in An-
erkennung der Bedeutung diefer geplanten Aus-
ftellungshallen für Hamburgs (Uirtfchaft und
Kultur das landfchaftlich reizvolle, verkehrs-
technifch vorzüglich gelegene Gelände in den
Holftenwall-Anlagen, gegenüber dem Fjeiligen-
geiftfeld, zur Verfügung geftellt. Aber damit ift
noch nicht genug getan, der Staat müßte auch
in finanzieller ttleife weitgehendft die Planung
fördern, find doch für andere Zwecke immer
Gelder zu haben!
Allerorts werden Ausheilungen, Meffen ufw.
veranftaltet und die Errichtung derfelben von
den betreffenden Städten finanziell unterftü^t,
fo gibt Köln 9 Mill. Mark für die Rheinifche
Mufterfchau, Leipzig 4^ Mill. Mark für die Er-
richtung weiterer Meßpaläfte. Um der Stadt
Magdeburg eine Ausftellung für 1921 zu bieten,
gaben Stadt, Reich und Induftrie hohe Summen
her und was bietet der Staat Qarnburg? Seit
Monaten ruht fchon ein Antrag bei der Finanz-
behörde auf Bewilligung von 700000 Mark
(eine für heutige Bauverhältniffe* äußerft geringe
Summe) und von feiten vermiedener Bürger-
fchaftsmitglieder find Anträge für die Schaffung
der Ausftellungshallen in der Bürgerfchaft ein-
gebracht, aber noch hat der Hamburger Staat
diefer Planung die nötige finanzielle Stütze nicht
gegeben.
Die Künftlerfchaft von Hamburg hat fid) für
die baldige Verwirklichung des Planes in auf-
opferungsvoller ttleife eingefe^t, um Mittel zu
fchaffen, daher das vor kurzem ftattgefundene
Künftler- und Mäzenatenfeft veranftaltet, das
einen guten Überfchuß für diefe Ausftellungs-
hallen-Planung ergab. Nun haben die Künftler
zu dem gleichen 3weck eine Kunftlotterie ver-

anftaltet (3iehung 7. Mai, Los M. 10—) und die
als Gewinne beftimmten merke geftiftet. Die
Ausftellung der Gemälde, Plaftiken und kunft-
gewerblichen Gegenftände wird zur 3^it in der
neuen Kunfthalle gezeigt. Diefe Ausftellung
weift eine Reihe von Kunftwerken auf, die auch
fehr gut außerhalb des Rahmens einer Kunft-
lotterie gezeigt werden können. So OQerke von
Al)lers-F)eftermann, Prof. Czefchka, Prof. Lang-
hein, Luttroth, Schmidt-Rottluff, Nolde, 3eller,
Liebermann, Klield, Melzer, Baurat Maeßel, Da-
vidfon, Illies, Bildhauer ülmer, Bildhauer Haman.
Nachdem die Künftlerfchaft Opfer gebracht, die
Fachverbände große Summen gefpendet haben,
hoffen wir, daß die fonft fo opferfreudige Ham-
burger Kaufmannfchaft alles aufbieten wird, um
dies für Hamburg fo dringend erwünfchte Unter-
nehmen ins Leben zu rufen. Br. Sachfe.
Braunfdjweiger Kunftbeftrebungen
Seit 1917 fetzte fich der auf Betreiben des
Dramaturgen Dr. Grußendorf in Braunfchweig
gegründete Leffing-Bund dafür ein, in fyfte-
matifcher (Ueife auch in Braunfchweig der jungen
und jüngften Kunft eine Stätte zu bereiten. Das
Publikum hatte den 3ufammenhang mit der
neueften Entwicklung der Kunft völlig verloren.
Räume für ftändige Kunftausftellungen gab es
nicht. Und wenn einmal der Verfuch gemacht
wurde, junge Kunft objektiv zu vermitteln — das
Landesmufeum brachte einmal eine Ausftellung
von Bildwerken der Berliner „Sturm“-Gruppe —
verhielt fich der Braunfehweiger ablehnend.
Da rief 1918 der Leffing-Bund eine ftän-
dige Kunftausftellung ins Leben und brachte all-
mählich durch Lichtbildervorträge bedeutender
deutfeher Kunftfchriftfteller und Führungen durch
die Leffingbund-Kunftausftellungen einen großen
Geil der Menge, doch nicht alle Kunftkritiker
der 3eitungen, dem Verftändnis junger Kunft
näher. In feiner erften Ausftellung brachte der
Leffing-Bund 1918 abfichtlich einen Künftler ge-
mäßigter Richtung, 3wintfd)er. Später konnte
man es fchon wagen, Gemälde des zu früh ver-
dorbenen Braunfchweigers Götj von Seckendorf,
Bilder von Krauskopf, Jäckel und den deutfchen
Künftlern des Cafe du Döme-Paris zu zeigen.
Angeregt durch diefe Entwicklung des Leffing-
Bundes trat Ende 1919 auch der Braunfehweiger
Kunft verein, der in den lebten Jahren über-
haupt nicht tätig gewefen war, wieder hervor.
Er veranftaltete in der Burg Dankwarderode
eine Ausftellung von Cüerken Braunfehweiger
Künftler, die für Braunfchweig eine erfreuliche
Fortentwicklung bedeutete.

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