Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

Page: 271
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1920/0293
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Olerkftattbefudje IV. Heinrich) 3i 11 ß
Mit 6 Abbildungen Von ADOLF BEHNE

„ Was ich als Kind sah, mitfühlte, im Lauf der Jahre miterlebte, beobachtete
und festzuhalten versuchte, sollte denen, die da unten abseits stehen und die
eine Welt für sich bilden, die man immer bekämpft, aber nicht heilt, helfen.“1
Heinrid) 3ille! — Jeder vermeint, den famofen Schulderer des Berliner „Milljößs“
zu kennen. Aber ich) vermute, daß die meiften doch) vielleicht nur die Oberfläche
bisher faßen. Der Künftler Heinrich 3ike fteßt noch im Dunkeln, weil das
Publikum im unbewußten Egoismus feiner Freundfcßaft fiel) allzufeßr vor ißm befeßeidet.
Es feßeut fid), ißn ganz zu feßen, weil er dann aufßören könnte, amüfant zu fein.
Das Publikum kennt nur den halben 3kle bisher, und will offenbar nur den halben,
den gemütlichen und offenherzigen Moabiter. Die 3eicßnungen> die ftoßweife in das
Elementare dringen, werden gerade am allerwenigften beobachtet — fie gelten nicht
als der „typifeße 3kle“. Denn „3ille“ — das (Dort ift dem Publikum ein Begriff ge-
worden, an dem es nun nicht meßr rütteln läßt, auch fließt von Fjeinricß S'iWz felbft.
Hnd doeß kann der Secßzigjäßrige nachgerade verlangen, daß fein großes Publikum
ßin endlich als den feße, der er ift, als einen Künftler, für den es nichts entfeßeidet,
daß er in recht mäßigen (Hißblättern erfeßeint.
Es gibt Menfcßen, die das Gegenftändlicße bei 3ike befremdet. Hnd man kann ge-
wiß nicht gut in höherem Maße getreu dem Gegenftändlicßen folgen, als es 3ike tut.
Es erßebt fid) da die Frage, ob fid) eine Notwendigkeit zu diefem fo ßoßen Grade
der Creue naeßweifen läßt; denn nur in diefem Falle wäre fie ja künftlerifcß gerecht-
fertigt. Das läßt fieß nun allerdings. 3ike muß die Dinge getreu fo zeigen, wie fie
find, weil fid) in feiner GCIelt Menfcß und Ding gegenfeitig „bedingen“. Mit dem
einen änderte ficß aucß der andere Faktor, und fo wenig fieß 3kle geiftreicßelnd über
diefe menfcßlicßen (Hefen erßebt, fo wenig kann er es über ißre Dinge. Leicht genug
wäre ein folcßes Feilßalten der Dinge gewiß, und kein geringer Erfolg wäre dem
Karikaturiften fießer. Aber 3üle ift eben kein Karikaturift. Er ift voller Güte. Seinen
Geift, feinen (Hiß auf Koften der Dinge fpielen und büßen zu laffen, wäre ißm zu-
wider. 3kles Menfcßen üben keine Kritik an den Dingen, alfo kann es aucß ißr
3cicßner nicht in feinen Bildern, was keineswegs bedeutet, daß nießt diefer Künftler
dennoeß ein eminent kritifeßes (Herk verrichtet.
Catfäcßlicß möchten wenige im Grad ißrer Ereue weitergegangen fein als 3Me. Hnd
das verleitet irrtümlich den 3ekgenoffen, unter Mitarbeit einer Ideenaffoziation von
„ßäßlicßen Modellen“, zu der Vorftellung vom kraffen Naturaliften 3üle. Hnd doeß
ift diefe Verbindung falfcß. (Hoßl ßat der junge Lithograph 3ike einen Verfucß ge-
macht, ein naturaliftifcßer Maler zu werden; aber feßon die Eatfacße, daß diefer fo
eßrücße Verfucß doeß glücklich gefeßeitert ift, beweift, daß 3>Ue, deffen „Können“ in
jenen in der Fjauptfacße autodidaktifeßen Anfangsarbeiten feßr refpektabel ift, von vorn-
herein, wenn aucß ißm felbft unbewußt, ein ganz anderes (Hollen gehabt ßat. Freilich,
fo äußerlich effektvoll wie die Arbeiten der damals von ißm bewunderten Vorbilder
find feine Blätter aus der Landfcßaft vor den Horen Berlins nießt, aber eben in ißrer

1 Biograpßifcße Daten findet man bei Hdolf fjeilborn in einem Äuffaße in F>eft I „Für alle
Güelt“ (Jaßrg. 20) und bei Ä. R. Meyer in Gurlitts „Älmanacß für 1920“. Einen kurzen Äbriß feines
Lebens feßrieb 3ille felbft für das Januarheft der „Kunftfcßule“, aus dem obiges 3üat entnommen ift.

Der Cicerone, XII. Jal)rg., Fjeft 7

20

271
loading ...