Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Hier liegen große und unzweifelhafte Gefahren vor, die die ülirkung der ganzen
Verordnung bedrohen. tUie ftark die Bedrohung des Sammlertums, die Beunruhigung
des ßändlertums durch dies Gefejs, wie peinlich dazu die Unklarheit der Verordnung
felbft empfunden worden ift, das zeigt nichts beffer als die Äußerung des Heraus-
gebers diefer 3eitfchrift in dem Januarheft des neuen Jahrgnngs, die zu einer völligen
Ablehnung kommt. GCIir müffen trotzdem verfucßen, mit der neuen uns gefdßenkten
(Haffe felbft zu arbeiten und möglichft fchnell und fchmerzlos mit diefem uns gegebenen
Inftrument zu operieren — in unferem eigenften Intereffe auch mit weifer Befchränkung.
Jede Überfpannung des Bogens würde nur von größtem Unheil fein. Das Befte wäre
ja, das Reich oder die einzelnen Staaten würden in der Lage fein, die auf den Markt
kommenden wichtigen Kunftobjekte, „deren Verbringung in das Ausland einen wefent-
lichen Verluft für unferen nationalen Kunftbefitz bedeuten würde“, zu erwerben. Ein
Vorkaufsrecht würde ja leicht einzuräumen fein. Es ift zu fürchten, daß bei den heu-
tigen Preifen und noch mehr bei unferer tragifchen Finanzlage an diefen Ausweg
praktifd) nicht zu denken ift. Die Bildung eines folchen Fonds etwa aus den Straf-
geldern oder auch aus hier nicht näher auszuführenden Eingängen anderer Art auf
Grund anderer Gefetje wäre wenigftens zu erwägen. Aber auch heute noch dürfen
wir, ehe im Einzelfalle zu dem Polizeifpieß gegriffen wird, an den Gemeinfinn, an
das nationale Empfinden unferer großen Sammler und der Eigentümer der wicßtigften
Kunftfcßä^e, aber auch der fo oft zu Unrecht verketzerten großen vornehmen Händler
appellieren, wie dies einft Otto Lanz getan ßatte. (Hie alle Gefetje foll auch diefes
erzieherifch wirken, die allgemeine Rechtsauffaffung von dem öffentlichen Intereffe an
den Kunftdenkmälern der nationalen Kultur fchaffen. Es find für den Beßrer jener
Schäle unzweifelhaft erhebliche Auflagen und Befchränkungen durch dies Gefefz ge-
geben — fie müffen fiel) vor Augen galten, daß es fich hierbei um ein ideales Be-
ßtjtum der ganzen Nation handelt.
Bonn, im Januur 1920.

Lord Briftol, der abfonderlidje Kun ft freund

Zu meinem Äuffatz über Lord Briftol (fiebe
Cicerone, Nov. 1919, S. 693—700) habe ich
nachträglich einen bemerkenswerten Bei-
trag gefunden, der für die Geiftesart diefes „merk-
würdigen Mannes“, wie Goethe ihn nennt, fo
bezeichnend ift, daß er nicht in der Verborgen-
heit bleiben darf. Gewährsmann ift der Kardinal
Commafo Marchefe Äntici, der als Minifter-
refident des Kurfürften KarlCheodor von Bayern
in Rom Berichte über dortige Vorgänge an
den Münchner Hof gefandt hat und in einem
derfelben vom 25. Äpril 1795 folgendes erzählt
(Münchner Geh- Staatsarchiv, 508/29):
Der Kunftliebhaber Lord Briftol ift hier, und
bei dem fonftigen Mangel an Fremden trägt er
den Malern und Bildhauern fehr zur Erleichte-
rung ihrer Lage bei. Dem Bildhauer Pierantoni
(Giovanni R., geb. 1738, geft. 3. Dez. 1814, Mit-
glied der Äkademie S. Luca 16. Nov. 1783) hat

er den Äuftrag gegeben, einen Herkulesknaben,
der die Schlangen erwürgt, auszuführen. Der
Herkules foll die 3üge des Minifters Pitt tragen,
die Schlangenköpfe die der Lords North und
Fox. 3u diefem 3weck hat Briftol die Bildniffe
diefer Herren aus England kommen laßen und
will die Gruppe dem Minifter Pitt zum Gefchenk
machen. Man erkennt an diefem Äuftrag, fo
fchließt Äntici feinen Bericht, die Denkweife
diefes fonderbaren Mannes, der Lord Briftol ift.
3um Verftändnis des künftlerifchen öüitzes ift
daran zu erinnern, daß COilliam Pitt d. J. ein
erbitterter Gegner der Staatsmänner North und
Fox gewefen ift und kaum 24jährig 1782 — 83
den Sturz beider Minifter herbeigeführt hat,
um felbft bis 1801 als Premierminifter das
Steuer der britifdben Politik zu führen.
München, Februar 1920. Fried. Noack

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