Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Die 3ßit und der Markt

Kun ft politik
Eine ft a a 11 i d) e Bild ft eile
Eine Anregung
Von Provinzialkonfervator Ohle-Fjalle a. S.
Organifatiop der Kräfte und Nutzbarmachung
aller brachliegenden (Berte war uns zu keiner
3eit notwendiger als heute. In diefem Sinne
wird von Max Osborn in der „Voffifchen 3ei~
tung“ (11. Juni, Abendausgabe) die Einrichtung
einer „ftaatlichen Bildftelle“ gefordert, deren Auf-
gabe es wäre, alles photographifche Abbildungs-
material kunftgefchichtlichen Charakters zu fam-
meln und der Allgemeinheit zugänglich zu machen.
Er nimmt mit diefer Anregung einen Plan wieder
auf, der früher fchon von Karl Simon (Mufeums-
kunde, Bd. III, S. 171 —175) und von (Uerner Noack
(ebda., Bd. XV, S. 58—62) eingehend behandelt
wurde. 3ugleich ermutigt ihn das Vorgehen
Deutfch-Öfterreichs, wo in erftaunlich kurzer 3eit
etwa 100000 Negative nach Kunft- und Natur-
denkmälern der neuen Bildftelle zur Verfügung
geftellt wurden, (Uelctje Bedeutung eine folche
Bildftelle auch bei uns in Deutfchland haben
würde, vermag jeder zu ermeffen, der fich mit
kunftgefchichtlichen Forfchungen befchäftigt; die
Erfparnis an 3eit und Koften wäre ganz außer-
ordentlich. Bei den jetzigen Reifeverhältniffen
und den ins Ungemeffene wachfenden Reifekoften
wird es überhaupt nur ganz wenigen Bevor-
zugten noch möglich fein, in der bisherigen Art
die Studien vor dem Objekt zu betreiben, fo
daß notgedrungenerweife das Arbeiten nach der
Abbildung immer notwendiger werden wird.
Die Einrichtung der Bildftelle ift demnach ein
Bedürfnis, das je eher um fo beffer im In-
tereffe aller Kunftgelehrten und Kunft-
freunde befriedigt werden muß.
Aber nicht allein der Kunftgelehrte von Fach,
fondern überhaupt die Allgemeinheit und vor
allem diejenigen Kreife, welche fich aus be-
fonderer Neigung oder wegen ihres Berufes mit
Fragen der Kunft befchäftigen, haben ein be-
fonderes Intereffe am 3uftandekommen der Bild-
ftelle, und nicht zuletzt auch die ftaatlichen und
kommunalen Behörden: Regierungen, Konfifto-
rien, Bauverwaltungen und IJochbauämter. (Oer
die Verhältniffe bei diefen Verwaltungen kennt,
weiß, daß überall eine große Menge von Ab-
bildungen und Platten vorhanden ift, die einmal
für irgendwelche 3wecke befctjafft wurden und
dann ungenutzt und unbeachtet in den Ecken
und auf den Böden herumliegen, pcherem Ver-
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derben preisgegeben. Ähnlich ift es bei den
kunfthiftorifchen Inftituten der Univerßtäten und
bei den zahlreichen kleineren ftädtifchen Mufeen
und kunftgewerblichen Schulen. Nun gibt es
glücklicherweife in jeder Provinz wenigftens eine
Stelle, wo das kunfthiftorifche Material fach-
gemäß gefammelt wird: das find die Denkmäler-
Arcßive der Provinzialkonfervatoren; und auf
die tätige Unterftüßung von feiten der berufenen
Denkmalpfleger wäre die ftaatlicße Bildftelle vor
allem angewiefen. Es dürfte keinen Konfervator
geben, der auf feinen zahlreichen Reifen nicht
eine große Menge photographifcßer Aufnahmen
gemacht hätte. (Uertvolles kunfth'iftorifches Ma-
terial wurde auf diefem (liege gewonnen. Ins-
befondere fammelte fich bei denjenigen Kon-
fervatoren, welche die Inventare der Bau- und
Kunftdenkmäler bearbeiten, ein rießges Material
an, das dann aber im allgemeinen nach der
Publikation kaum noch benutzt wurde. Die Po-
fitivabzüge wurden leider meift auf 3eboidin-
oder Gelatinepapier angefertigt, fo daß fie in
vielen Fällen jetzt fchon ftark vergilbt find und
bald ganz verderben werden. Und die Negative
mußten meiftens, in alten Plattenfcßachteln ver-
packt, eng verftaut werden. Im allgemeinen
dürften für die Unterbringung der Negative kaum
ausreichende Räume zur Verfügung ftehen, zu-
mal da ja bei den Konfervatoren ßch im Laufe
der Jahrzehnte ein Material anfammelt, das
außerordentlich viel Platz beanfprucht. Die Ne-
gative werden lange Jahre hindurch überhaupt
nicht benutzt, und es wird nicht bemerkt, wenn
fie infolge unrichtiger Behandlung oder fchlechter
Lagerung anfangen fich zu zerfetzen. Es würde
alfo durchaus im Intereffe der Konfervatoren
liegen, wenn fie ihre Plattenbeftände an eine
3entralftelle abgeben könnten, felbftverftändlich
unter (Uahrung aller Urheber- und Eigentums-
rechte. Bei gutem (Dillen wird ßch ein beide
Ueile in gleicher (Ueife befriedigendes Abkommen
leicht ßnden laßen. So könnten als Entfchädi-
gung für die Abgabe der Platten einige dauer-
hafte Bromßlberabzüge von jedem Negativ für
die Archive gegeben werden, und weitere Ab-
züge und gegebenenfalls Diapoßtive wären ihnen
jeder 3ßit zum Selbftkoftenpreäfe zu überlaffen.
Für fpätere Reproduktionen ßnd ja die Negative
nicht nötig, wenn gute Pofitive vorliegen. Lagern
die Platten der Inventare in der Bildftelle, und
ßnd die Bilder einzeln käuflich, fo wird jeder
Kunfthiftoriker an der Fjand der Inventare, die
er ßch ja nicht alle kaufen kann, und die häußg
vergriffen ßnd, in fchnellfter (Ueife fein Arbeits-
material ßch befcßaffen können. Ich denke hier
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