Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Sammlungen

Ausheilungen

kleine Gemad) mit feiner unvergleichlichen, gold-
fcßimmernden Heizdecke, mit dem Kamin mit
der Borgia-Infcßrift und feinen immer noch)
fd)önen,wenn auch ßalbzerftörten Wandgemälden
dem Publikum zugänglich gemacht werden wird.
Es hatte fcßon in den Lagen Alexanders VI.
einen geheimen 3ugang zu den Prunkgemächern
der Borgia, der fcßon freigelegt worden ift und
ohne weiteres wieder geöffnet werden kann.
E. St.
Courbets „Atelier“
eines der Hauptwerke des Meifters, ift kürzlich
durch feine bisherige Befißerin, Madame Des-
fosses, für 600000 Francs an ein Parifer Kunft-
händlerkonfortium verkauft worden Diefes bot
es für 700000 Francs dem Staat an. Die ge-
forderte Summe ftand jedoch nicht zur Ver-
fügung und zudem wurde die Meinung geäußert,
daß Courbet im Louvre hinreichend vertreten
fei. Damit fcßien das Bild zur Auswanderung
nach Amerika verdammt, wo fiel) fchon offene
Arme nach ihm ausftreckten. In leßter Stunde
gelang es aber, dank vor allem den Bemühungen
des verdienftvollen Barons d’Estournelles de
Conftant, die erforderlichen Mittel zum großen
Geil von privater Seite aufzubringen, fo daß
Courbets „Atelier“, auf dem der Meifter fiel)
felbft vor der Staffelei mit einem Modell im
Kreife feiner Freunde dargeftellt hat, nun doch
feinen Einzug im Louvre halten wird. H-
Von den preußifdjen Kunftfamm-
1 ungen
An den Berliner ftaatlichen Mufeen wurden
nach den foeben erfeßienenen Berichten ernannt:
Direktorialaffiftent Dr. Cßeodor Demmler zum
Direktor der Sammlung chriftlicher Bildwerke,
der Kuftos Prof. Dr. Otto Weber zum Direktor
der Vorderafiatifchen Abteilung, Dr. Rudolf
Oldenbourg, bisher Kuftos an den ftaatlichen
Gemäldefammlungen in München, zum Direk-
torialaffiftenten beim Kupferftichkabinett.
Amfterdam
Vermeers Delfter Straßenbild, eine der Perlen
der Sammlung Six, ift verkäuflich; fein Ver-
kaufswert wird auf mindeftens 500000 Gulden
gefcßäßt. Man hofft, das Bild dem Lande er-
halten zu können, obfehon die bereits geführten
Unterhandlungen mit dem Minifterium bisher zu
keinem Ergebnis geführt haben.
Dresden
Es wird mitgeteilt, daß die fäcßfifcße Regie-
rung die Abficßt hat, etwa 700 Gemälde aus
der Dresdner Galerie, die feit Jahr und Lag
wegen Raummangels im Keller aufgeftapelt

liegen und die in dem geplanten Neubau der
Galerie, der infolge der jetzigen Baufcßwierig-
keiten nicht zuftande kommt, untergebracht wer-
den follten, entweder in einigen früheren könig-
lichen Scßlöffern oder in der Albrecßtsburg in
Meißen aufzuhängen. Begrüßenswerter erfeßiene
uns ein Entfcßluß derart, daß diefe Bilder den
kunftarmen Induftrieftädten Sacßfens zugute
kämen oder auch zum Ceil nach Leipzig über-
führt würden, wo fie immerhin rein kunftgefeßießt-
licß nießt unwillkommen fein dürften. Seltfam
genug, wie man gerade in diefer 3eit immer
wieder daran erinnern muß, daß in erfter Linie
das werktätige Volk ein Anrecht darauf befitjt,
an den Kulturgütern der Vergangenheit endlich
Anteil nehmen zu dürfen.
Ausheilungen
Öfterreidjifdje Kunftfdjau
Die Winterausftellungen bringen im all-
gemeinen nichts Neues, was für eine 3ielfeßung
des Wiener Kunftlebens bezeichnend wäre. Dem
in fein Wienertum eingefponnenen Beobachter
mag es freilich feßeinen, als fänden hier Re-
volutionen ftatt. Was wir aber an „Neuartigem“
vorgefeßt bekommen, ift kaum meßr als feßwaeße
Ableger auswärtiger Strömungen aus zweiter
oder dritter Hand, nichts, was ein natürliches
Drängen diefes Bodens bedeuten könnte, wie
wir es einft in den feiten der erften Sezeffion
oder der Kunftfcßau erlebten. Damit foll freilich
nichts gegen die ehrlichen Beftrebungen einzelner
gefagt werden, denn folcße Bewegungen laffen
fieß nießt herbeizwingen, und wir müffen zu-
frieden fein, wenn einige wenige — zumeift
weibliche Künftler — nach beftem Gewiffen fieß
in die hier noch fremden Ideen einfüßlen und
damit das konfervative Pßiliftertum einigermaßen
in Atem halten. Damit kommen wir aber nießt
weiter. Die Situation ift etwa folgende: Wien
ßat den 3ufammenßang mit den volkstümlichen
Quellen der öftlicßen Gebiete der ehemaligen
Monarchie verloren, die — latent oder offen-
ficßtlicß wirkfam — durch die kulturelle Reibung
mit dem Weftlicßen jene eigentümliche Blüte
erzeugt hatten, die etwa durch Klimt, Wagner
und das neue öfterreießifeße Kunftgewerbe cßarak-
terifiert war. — Wien ßat aber auch noch nießt
den Anfcßluß an die neue geiftige Bewegung
des Weftens gefunden, die im allgemeinen durch
den Expreffionismus beftimmt ift. Gab erfteres
die lokale, bodenftändige Note oßne eindeutige
nationale Färbung, fo würde letzteres den Schritt
in das internationale Kulturleben des Weftens
bedeuten. Die Vereinigung von beidem wäre

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