Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

Page: 9
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1920/0031
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile

Äfiatifdjer und europäifdjer Geift in der Kunft
Von PAUL COHEN-Portheim
I.
Nicßt über die ÜUerke der afiatifcßen und der europäifcßen Kunft will icß fcßreiben,
fondern über das, was ißnen zugrunde liegt. Über das, was mir als das wefent-
licß Afiatifcße, und als das wefentlicß Europäifcße in der Kunft erfc±)eint; wodurd)
fie fict) unterfeßeiden und worin fie fiel) gleichen.
Es ift die allgemeine Anfid)t, daß zu allen 3eiten und bei allen Völkern die Kunft
wefentlicß diefelbe ift, daß es nur eine Kunft gibt. Kunftwerke, meint man, find entweder
gut oder fcßlecßt, und geßt dabei von der Vorausfeßung aus, daß es ein unbedingtes
und fieß ewig gleicßbleibendes Kunftideal gibt. In ülaßrßeit ift aber diefes Ideal faft für
jede Generation ein anderes, und was die eine3eit am ßöcßften fcßäßt, verachtet die andere.
Als Napoleon den Auftrag gab, einen Rußmestempel (die Madeleine) zu bauen,
feßrieb er, daß er keinen Kircßenbau wünfeße, denn was Kircßen anbeträfe, fo wäre
der Pantßeon und felbft Notre-dame feßwer zu übertreffen — ein Kunfturteil, das
woßl der jetzigen Generation überrafeßend vorkommt.
Die 3ß't Napoleons war die letjte, die einen eigenen Stil in der Kunft befaß: den
Empireftil, den Klaffizismus. Stil ift der Ausdruck eines Glaubens, einer Überzeugung
und feßließt darum Unparteiifcßkeit anderen Überzeugungen gegenüber aus. Das
19. Jaßrßundert ßatte keinen Glauben und keinen Stil und würdigte daßer jede Kunft.

Äbb. 8. Franz Fjeckendorf. Orientlandfdjaft.
3u dem Huffat5: „Joad)im Kirchner, Moderne Landfd)aftsmalerei“.
loading ...