Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

Page: 78
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1920/0100
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Die 3eit und der Markt

Kun ft politik
Frankfurter Kunftpolitik
önfere Frankfurter Kunftkritik feßt ficb voll
aufricbtigerBegeifterung für alle modernen Kunft-
erfcßeinungen ein. Das verdrießt wie überall
fo aucb ßier eine gewiffe rückftändige Clique
von „Heimatkünftlern“, die niemals die große,
eigene liierte fcßaffende Kulturaufgabe der
Kritik verfteßen wollen — oder können, fon-
dern fie immer nur als „Reklame“ im grob
wirtfcbaftlicßen Sinn für diefe oder jene Indivi-
dualität auffaffen. Bei folcßen primitiven Geiftern
fpielt ficß der künftlerifcße Vorgang natürlich
nur in der fcüeife ab, daß der Künftler allein
„ein tüerk“ fcßafft, über das dann der Kritikus
feine böcßft überflüffigen, ßämifcßen Bemerkungen
macht. Den Lefern des „Cicerone“ gegenüber
ift es nach dem fo treffenden Effai vonCßriftof
Spengemann über „Kritik als Cat“ (5-10. Mai
1919) nicht mehr von nöten, auseinanderzufeßen,
welche auf bauende Arbeit im Bereich unferer
heutigen Gefamtkultur gerade die Kunftbetracß-
tung zu erfüllen hat: daß erft aus der ßarmo-
nifcßen 3ufammenarbeit von fcßaffenden und
betrachtenden Kräften das innerliche Kunftwerk
entfteßt, das unfer geiftiges Leben fordert. An-
dererfeits wurde von kritifcßer Seite jeßt auch
mit Recht bemerkt, daß es dem Publikum wirk-
lich ganz gleichgültig fein kann, was in dem
Kopf eines mittelmäßigen Künftlers vorgeht!
Aber da im Frankfurter Künftlerrat diefe tiefe
und gerechte Einficßt nur bei wenigen zu finden
war, bewegte ficß die von ficß ob ißrer Mittel-
mäßigkeit zurückgefeßt fühlenden Künftlern und
und kunftfremden Juriften geführte Diskuffion
meift auf einer betrüblichen Fjöße. —
Allein der Frankfurter Rat für künftlerifcße An-
gelegenheiten hat doch auch Koftbareres geleiftet
als folcße ftets frücßtearmen, polemifcß-tßeore-
tifcßen Erörterungen.
Vor allem bat er gemeinfam mit der jeßt hier
neu zufammengetretenen Ortsgruppe des tüerk-
bundes ficß an die mannigfaltigen, bildend- und
nußkünftlerifcßen Aufgaben gemacht, die mit der
FrankfurterEinfußrmeffe zufammenßängen:
Der Ausftellungsraum derFeftßalle wird nun von
dem neuzeitlich ftrengften Architekten, den Frank-
furt befißt, von Paul Paravicini ausgebaut wer-
den. Die öüerkbundgruppe wird ißren gefcßmack-
licßen Einfluß auf die Meffedarbietungen infofern
ausüben, als eines ißrer Vorftandsmitglieder dem
Meffeausfcßuß ftändig angehören wird und als
fie in corpore in den Kunftfragen der Meffe mit

zu beraten bat. Damit tritt die von tüaltßer
L. Müller-ttlulkow angeregte Schaffung einer
„3entralftelle für Kunft und Gewerbe“ als Ver-
mittlung zwifcßen Künftler, Fabrikanten, Hand-
werker, Kaufmann und Publikum in unmittel-
bare Näße. Und bei der lebhaften ünter-
neßmungsluft, die die Frankfurter kaufmänni-
fcßen wie die füdweftdeutfcßen künftlerifcßen
Beteiligten immer ausgezeichnet bat, ift die Er-
richtung eines ftändigen Meßßaufes mit
einem fämtlicße Gebiete umfaffenden Mufter-
lager werkbundmäßiger Qualitätswaren eben-
falls in Bälde zu erwarten.
Damit nun das immer noch am gefcßmacklid)
und tecßnifcß Minderwertigen, formal aber Über-
ladenen ßaftendePublikum auf diefe neueLebens-
konvention eines durch äußere Not und innere
Selbftbefinnung erzeugten, deutfcßen Stiles ficß
einzuftellen lernt, wird hier in Frankfurt auch
am 3ufammenkommen einer „Fachgruppe für
werkbündlerifcße Volksbildung“ gearbeitet, die
alle Arten von Schulen, befonders auch die neuen
Volksßochfcßulen mit den anfcßaulicßen Vor-
ftellungen von Schönheit und 3w^ckmäßigkeit
verfeßen will. Probleme, wie fie Riemerfcßmid
und Poelzig in Stuttgart, Karl Scßeffler jeßt
wieder in feinem im Dezemberßeft von „Kunft
und Künftler“ veröffentlichten Arbeitspro-
gramm für den deutfcßen ttlerkbund zur
Erörterung geftellt haben, finden hier in Frank-
furt tiefftes Verftändnis und werden ficßer zur
Begründung auch der volkspädagogifcßen Beftre-
bungen unferer neudeutfcßen Nußkunft mit bei-
tragen können.
Eine klare Vorfrucht folcßer Gedanken läßt
ficß bereits in der Ausftellung des Frankfurter
„Bundes für angewandte Kunft“ erkennen, der
unter der Leitung von Prof. J. V. C i f f a r z
ficß aus einem ehemaligen Verein alter Kunft-
gewerbefcßüler zu aktiver, neuzeitiger Kunft-
politik umgebildet bat. tüas man von feinen,
die mannigfaltigften Gebiete umfaffenden Arbeiten
zur 3eit im Sonderraum des Kunftgewerbe-
mufeums bewundert, zeigt eine folcße Fülle in-
tereffanter Arbeiten und verheißungsvoller, junger
Calente, daß man für die nußkünftlerifcße 3ukunft
Frankfurts das felbe fcßöne Bild ficß erhoffen
kann, wie es das unter Hugo Eberßardts tat-
kräftiger Leitung aufgeblähte Offenbacß fcßon
feit lange vorher bietet.
Als Nachfolge diefer „Bundesausftellung“ ift
ja gerade augenblicklich die reiche Schau Offen -
bacßer S cßriftkünftler ander nämlichen Stelle
zu feßen: An der Spiße der Leiter der Facß-

78
loading ...