Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Die expreffioniftifcße Methode Von GEORG MARZYNSKI


III. (Fortfeßung und Schluß aus Fjeft 13.)

Es gibt alfo Verzerrungen der QIirklid)keit, denen eine ganz be[timmte Abfid)t zu-
grunde liegt. Solche Verzerrung ift fozufagen ein pfyd)ologifd)er Grick, den der
1 Maler anwendet, fie verleiht dem Bilderlebnis einen finnlicßen Reichtum, der dem
einfeitig-optifcßen Gegen[tandserlebnis verfagt ift. Damit ift eine erfte Erklärung für die
eigentümlich verzerrende Darftellung der modernen Kunft gewonnen. Die Verzerrungen
werden abfid)tlid), mit bewußter Auswahl vorgenommen. Der Künftler felbft braucht
freilich) von diefen „Abfid)ten“ nichts zu wiffen. Er wird mit voller fubjektiver Ehr-
lichkeit behaupten, daß er die Dinge einfach fo male, wie er fie fehe. Er handelt nach
einem inneren Diktat, und man wird höchstens fagen können, er male fo, als ob er
mit feinem Bilde die Vorftellung nid)t-optifcl)er Qualitäten erregen wolle.
Nun tauchen aber in der modernen Malerei Bildinhalte auf, deren feltfame Ab-
weichungen von der natürlichen QIirklid)keit. fiel) nicßt auf diefe Formel bringen laffen.
Erofedem hängen auch fie ganz unmittelbar mit der [Qirklicßkeit zufammen. Und zwar
wird fid) zeigen, daß es eine Sphäre des ülirklichen gibt, die tatfäd)lid) fo „ausfieht“
wie gewiffe expreffioniftifcße Bilder.
ÜLIas erleben wir vor einem impreffioniftifchen Bilde? Qm konkret zu fprecßen:
Signac erlebt einen nebligen Morgen an der Seine und befd)ließt, diefe Erfcheinung
zu malen. Jeßt fehen wir das Bild, und — was fehen wir eigentlich? Die Antwort
wird eindeutig dahin lauten, daß wir von dem Bild optifcße Eindrücke erhalten, die
den optifcßen Eindrücken äquivalent find, die Signac von der Qlirklicßkeit erhalten hat.
An die Stelle des natürlichen Reizes ift ein künftiger getreten; das Bild ift ein Stell-
vertreter der Natur, eine künftliche äußere tüirklicßkeit1.
Man kann aber das Abmalen der tüirklicßkeit von einem ganz anderen Punkte aus
beginnen. Sagen wir einmal, ich ftünde vor einem Menfd)en; was fehe ich eigentlich,
wenn ich fein Geficl)t anfchaue? Offenbar erhalte ich das, was man einen Eindruck
von diefem Geficßt nennt. Nun ift fid)erlid) ein „Eindruck“ nicht ohne weiteres inhaltlich
der tüirklicßkeit gleich. Man braucht ja bloß die Entfernung von einem Gegenftand zu
ändern, um zu bemerken, wie veränderlich der Inhalt des Eindrucks ift. Doch nehmen
wir an, wir ftünden in einer Entfernung, die in bezug auf den inhaltlichen Reichtum
des Eindrucks ein Optimum darftellt, in der Entfernung alfo, in welcher der Eindruck
„klar und deutlich“ wird, — felbft dann wäre er noch immer nicht identifd) mit der
ttlirklicßkeit. Qnd dies nicht nur deshalb, weil Lupe und Mikrofkop neue Einzelheiten
enthüllen würden -— davon könnte der Maler für feine 3wecke ruhig abfehen —
fondern weil der Menfch kein photographifcher Apparat ift, der mit objektiver üreue
einen Reizkomplex bei jeder Expofition in derfelben Oleife verarbeitet. Je nach der
gerade ßerrfcßenden Richtung der Aufmerkfamkeit, des Intereffes, je nach der Stimmung
und der Bewußtfeinslage werden wir ganz verfeßiedene Eindrücke von genau dem
gleichen Gegenftande empfangen.
Fjier ift ein Problem aufgedeckt, das der früheren Malerei fremd war. Selbftverftänd-
lid) fteckt in jedem Bild das individuelle Cemperament des Malers darin, und diefe
Entdeckung ift keineswegs neu. Man braucht fiel) bloß des bekannten Verfucßs der
drei Nazarener zu erinnern, welche gleichzeitig diefelbe Landfcßaft malten und hinterher
1 tüomit nicht behauptet fein foll, daß dies auch der wahre Bildzweck fei.

Der Cicerone, XII. Jatyrg., fjeft 14

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