Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Paul Gauguins tragifcßes Künftlerfcßickfal
Von OTTO GRAUTOFF
Müdigkeit und Ekel an der europäifcßen 3ivilifation brachen zum erftenmal in unferem
3eitalter in dem franzöfifcßen Maler Paul Gauguin durch. Nicht allein die feltfame
Mifcßung feines Blutes und der exotifcße Ort feiner Geburt haben feine Abwendung
von Europa und 1S95 feine zweite und endgültige Flucht in eine urfprünglicße Kultur-
zone bewirkt, fondern vor allem erfcßeint er als der erfte von vielen Europäern, die im
Primitiven, im Kindlichen die Erfrifcßung vom europäifcl)en Intellektualismus fud)ten.
Schon in der bekannten Gauguin-Monographie von Jean de Rotonchamps ließ fleh
Gauguins Europamüdigkeit und Europagebundenheit verfolgen. Näher aber tritt uns
Gauguins tragifcßes Scßickfal in den Briefen an feinen Freund Georges Daniel deMonfreid,
die zum erften Male 1903 auszugsweife in der Parifer 3eitfchrift L’Ermitage erfeßienen.
Während der Kriegsjahre erfolgte ein Neudruck diefer Briefe im Mercure de France.
Im Jahre 1919 hat Victor Segalen diefe Korrefpondenz unter dem Eitel: „Lettres de
Paul Gauguin ä G. D. de Monfreid“ im Verlage von Georges Cres e Cie. in Paris ßer-
ausgegeben. Diefes Buch enthüllt zum erften Male im 3ufammenßang aus eigenen
Äußerungen das feßmerzensreieße Leben diefes Malers. Enttäufcßt von der Parifer
Bildung, angeekelt von dem einfeitigen Intellektualismus Europas folgte Gauguin der
Stimme feines geßeimften Kiefens: „Je veux aller eßez les sauvages.“ Klas fein FJerz
dort fueßte, fand es: die unberührte Natur, die keufeße (Xlildnis der Landfcßaft, ein
Menfcßengefcßlecßt im örzuftande. Er genießt alles, was ißm als Glück erfeßeint.
Scßwärmerifcß fcßildert er dem Freunde Natur und Menfcßen und redet ißm zu, auch
naeß Caßiti zu kommen. In Not und Krankheit fprießt er einmal unzweideutig aus,
Fjeimweß mache ißn nießt leiden, fondern nur fein entzündeter Körper. Allein Gauguins
Leben in der Südfee ift keineswegs in Harmonie verlaufen. Vielleicht wäre es ftiller,
beruhigter, glücklicher gewefen, wenn er fein Lebensmotto: „Je veux aller eßez les
sauvages“ konfequenter dureßgefüßrt hätte, wenn er nießt nur äußerlich, fondern auch
innerlid) den Verzicht auf Europa konfequent dureßgefüßrt hätte.
Die Cragik feines Scßickfals liegt darin, daß er als europäifeßer Maler auf Caßiti
lebte. Daß er Maler blieb, daß er um den Beifall Parifer Kollegen, Sammler und
Händler rang, machte fein Leben fo dornenvoll. Man kennt die Vergeßlichkeit und
Gleichgültigkeit der Menfcßen gegen diejenigen, die aus ißrem Geßcßtskreis treten.
Man kennt die hochmütigen Vorwürfe der Menfcßen gegen einen, der aus Ekel am
Menfcßengefcßlecßt ßd) freiwillig in die Einfamkeit zurückzieht. Klarum ift er tro^ig
davongegangen? Klarum ift er nießt geblieben? F)ier hätten wir ißm geholfen. Aber
die Klagerufe aus der Ferne erreichen die Freunde nießt. Georges Daniel de Montfreid
ift der einzige, der in unwandelbarer Creue und in warmem Eifer den fernen Freund
ftütjt. Alle anderen waren läffig, gefühllos und faumfelig. Gauguin aber mußte, da
er für Europa malend in Caßiti lebte, von den Parifer Amateuren die Mittel für feine
Exiftenz erßeßen. Eine ermüdende Kette von Klagerufen zieht fieß durch feine Briefe:
„Icß fteße am Abgrund. — Seit achtzehn Monaten habe icß nießt einen Sou für meine
Bilder aus Paris erhalten. — Icß kann den Cransport meiner Bilder nießt bezahlen. —
Icß muß von hundert Francs monatlich leben. — Seit aeßt Monaten habe icß nießt ein-
mal das. Nicßts als Schulden. — Icß liege am Boden, ßalb verbraucht. — Man follte
mir lieber etwas abkaufen, als mir Almofen geben. — Im leßten Jahre habe icß
600 Francs erhalten, während icß insgefamt 4300 Francs Außenftände habe. — Meine

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