Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Sammlungen

Grundftücke mitten in dem enggebauten Ge-
fdjäfts viertel [teilen anfehnliche Werte dar. In
diefer Fjinßicht würde die Verwirklidjung des
Projekts unbedingt die erwünfdjte Sanierung
bringen. Kreife aber, die weniger realpolitifch
denken als der Gemeinderat der City, mit dem
Bifdjof von London an ihrer Spitze, entfinnen
[ich, daß [ich unter diefen neunzehn preisgegebenen
Kirchen altehrwürdige Baudenkmäler befinden,
wie St. Michael Paternoster, Äll Fjallows und
St. Dunstans bg the East und daß auch die übrigen,
[ei es auch ardjitektonifch meift wenig hervor-
ragenden Kirchen einen integrierenden Geil des
Stadtbildes formen. DerBifdjof hat denn auch,
bei aller Einficht in die Dringlichkeit der Lage,
einen Äufruf an die „usual generosity“ der City
gerichtet, um die bedrohten Gotteshäyfer zu retten.
Äm Erfolg diefes Aufrufes hängt jeljt ihr Sdjickfal.
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Sammlungen
Das Münchner Repdenzmufeum
In diefen Lagen ift die zum Mufeum umge-
[taltete Refidenz der Wittelsbacher dem allge-
meinen Befuch zugänglich gemacht worden.
Man kennt und liebt die wunderliche Mifdjung
von Maffe und feftlidjer Pracht, die diefer Bau,
an dem die Generationen vom Äusgang des
Mittelalters bis auf den erften Ludwig gearbeitet
haben, verwirklicht. Schon in den 3eiten, da
die Fjerrfdjer hier noch refidierten, konnten die
Innenräume wenigftens teilweife befidjtigt wer-
den. Nunmehr find die Ijaupträume des ganzen
erften Obergefdjoffes zugänglich: Lrierzimmer,
Ijofgartenbau, Steinzimmer, Reiche und Päpft-
lidje 3immer, Königsbau, Kurfürftenzimmer. (Die
Räume des Feftfaalbaues Ludwig I. werden [ich
in Bälde anreihen, während für die übrigen
Räume noch umfangreiche Vorarbeiten notwendig
ßnd.)
Was hier gezeigt wird, ift kein Mufeum im
landläufigen Sinn des Wortes: Vereinigung von
Kunftwerken, die fammelnde Tätigkeit zufam-
mengetragen hat. Man hat vielmehr hier (und
darin liegt das Entfdjeidende der Leiftung, die
vor allem dem Konfervator Feulner gedankt
wird) den Gedanken verwirklicht, die deutfdje
Raum- und Wohnkunft in einer gefdjichtlichen
Entwicklung von faft vier Jahrhunderten zu
zeigen. Än dem vorhandenen 3uftand wurde
faft nichts verändert. Der Charakter als Wofm-
und Repräfentationsraum wurde nicht angetaftet
und daher wurden keine Vitrinen aufgeftellt.
Nur die modernen Einridjtungsgegenftände und
Nachbildungen älterer Stücke wurden entfernt.

Innendekoration aus den Jahrhunderten der
Fjodjrenaiffance, des Barock, Rokoko, Klaffizis-
mus wird in großartiger Folge gezeigt. Die
organifdje Gewadjfenheit der Gefamtfdjau be-
ftimmt den erften Eindruck. Der Reichtum der
einzelnen Stücke, zumal aus dem bayrifdjen
Rokoko, ift erftaunlid). Man fieht u. a. Gemälde
von Candid, Chriftof Schwarz, J. Ä. Gumpp,
J. B. 3iuimermann, Ämberger, Jan Lys, Des-
marees, Snyders, Dyck, Dorner, Canaletto; Brüf-
feler Bildteppiche des 17. und 18. Jahrhunderts;
ganze Folgen aus der erften und zweiten Münchner
Gobelinmanufaktur; Rokokogarnituren; Meißner
und oftafiatifchesPorzellan; Dekorationsentwürfe
von Effner, Cuvillies, Klenze.
Die Darbietung ift vorbildlich für die Ärt und
Weife, wie das Kunftgut früherer Jahrhunderte
der Öffentlichkeit zugänglich) gemacht werden
foll. 3ugleidj ein Beifpiel dafür, daß die immer-
hin komplizierte Äuseinanderfeljung von Staat
und Krone bei einigem Lakt auch in friedlichen
und verföhnlidjen Formen gefdjehen kann.
Kurt Pfifter.
Londoner Mufeen
Die Wiedereröffnung der National Gallery
fdjreitet Raum für Raum fort. Mit gefpannter
Erwartung fteljt man jeweilen vor den [ich wieder
öffnenden Lüren, fidjer, eine Überrafdjung zu
erleben. Die größte diefer Überrafdjungen bot
die Eröffnung des zentralen Leiles des Oftflügels,
die Ende Äpril ftattfand. Diefe ganze Äbteilung
ift der italienifdjen Kunft des 16. und 17. Jahr-
hunderts geweiht. Ein kleiner Vorraum (Saal III)
enthält profane Gemälde mit den meift literari-
fdjenGegenftänden, wie fie durch dieRenaiffance-
fürften mitVorliebe gefammelt worden find. Fjier
hängen u. a. die Procris von Piero di Cofimo,
Mars und Venus von Botticelli, Benozzo Gozzolis
Entführung der Fjelena. Än diefen Vorraum
fdjließt [ich in öftlidjer Richtung der hohe Kuppel-
faal mit den vier kreuzförmig davon ausftrah-
lenden gewölbten Galerien. Diefe Raumgruppe,
deren architektonifdje 3ufammengehörigkeit bei
der bisherigen — d. h- vorauguftifdjen — Ein-
teilung von den Befuchern des Mufeums kaum
bemerkt worden fein dürfte, ift jefet einheitlich)
zufammengefaßt worden: Wir befinden uns in
einer Renaijjancekirche mit zentraler Kuppel,
Chor und Querfdjiff. f)ier find nun die köft-
lichften Stücke italienifdjer Sakralkunft, an denen
die National Gallery bekanntlich) befonders reich
ift, zu einem eindrucksvollen Ganzen vereinigt.
Als Fjauptaltar prangt Raffaels Madonna Änfidei,
flankiert von einem Mafaccio und einem Gentile
da Fabriano, beides Leihgaben des Königs. Die

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