Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Bücßerfammelwefen

Neue Bücßer und 3eitfd)riften

Ordinarius an der tecßnifcßen bocßfcßule in Dres-
den aufgegeben und ift in den Rußeftand getreten.
Freiburg
Dem Privatdozenten für Kunftgefcßicßte an der
Univerfität Dr. Walter Friedländer ift der Eitel
eines außerordentl. Profeffors verließen worden.
Friedländer, der zu den Mitarbeitern der Monats-
hefte fürKunftwiffenfcßaft zäßlt, hat ficß vor allem
durcß feine Veröffentlichungen über das Kafino
Pius IV. (1912) und Nie. Pouffin bekannt gemacht.
Bücßerfammelwefen
Unter Leitung von
Bibliotheksdirektor Dr. E. von Rath
Leipzig, Ferdinand Rl)odeftr. 35.
Bibliophile Chronik
(Sendungen von Büchern, die für diese Be-
sprechungen bestimmt sind, mögen unmittelbar
an Herrn Prof Dr. Minde-Pouet, Direktor der
Deutschen Bücherei, Leipzig, Münzgasse 28, ge-
richtet werden.)
Der Verlag PaulSteegemann inßannover
hat Paul Verlaines Gedichtbuch „Femmes“,
das auch in Frankreich nur „sous le manteau“
gedruckt wurde, als Privat-Luxusdruck (übrigens
in der für den Buchdruck ungeeigneten Eßmcke-
Äntiqua) für Subfkribenten in 600 Exemplaren
in guter deutfeßer Umdichtung von Curt Moreck
unter dem Eitel „Frauen“ herausgebracht, Wer
Verlaine ganz kennen will, muß felbftverftänd-
licß auch diefes Werk des alternden Dichters
kennen. Der wird aber zweifellos in der Lage
fein, es franzöfifcß zu lefen. Erfcßien eine
deutfeße Überfettung dennoch wünfeßenswert
oder notwendig, fo füllte im Nachwort nicht
immer wieder gefagt werden, daß diefes Buch
zwar das „verrufenfte“ des Dichters, „die bölle
feiner Sinnlichkeit und Lafterßaftigkeit“ ift, aber
doch „kein freiwilliger Beitrag zur Pornographie“,
fondern „ein Dokument des Lebens“, „nicht ent-
ftanden aus fcßmunzelndem Wohlgefallen an
verpönten und unausfprecßlicßen Dingen, fondern
aus dem Bedürfnis der Selbftpeinigung durch
die Wahrheit“, und daß Verlaine „durch die
Magie der Worte Unflat in Gold verwandelte“,
„das brutal Stoffliche durch die ariftokratifeße,
graziöfe Form aufhob“, „das Eatfäcßlicße ent-
arteter Erotik durch die machtvolle Lyrik zu
einer zarten Mufik vergeiftigte“. Das fießt nach
Entfcßuldigung und Deckung aus. Es ift fach-
licher, das Urteil, ob diefes Buch „unmoralifcß“
oder „nur menfcßlicß“ ift, dem zu überlajfen,
der es lieft. Und wer foltßes Buch mit folcßer
Beurteilung herausbringt, muß Sorge tragen, daß
es nicht in falfcße bände gelangt. Icß bin nicht

der Anficht, daß man zur Subfkription auf diefen
„Privatdruck“ (in 600 Exemplaren!) öffentlich
einzuladen gut tut, ißn damit alfo jedem zu-
gänglich maeßt — denn welcher Verleger will
fieß getrauen, den ernften Befteller von dem
naeß Pornographie lüfternen zu feßeiden! — und
diefes Buch bei feiner öffentlichen Ankündigung
gleich als „literarifcße Senfation“, zu der es vor
allem das Nachwort maeßt, und als „faßt ver-
griffen“ zu bezeichnen. Dann kann auch die
ernftefte Abficht, mit der ein folcßes Buch dar-
geboten wird, verkannt werden.
Es ift doch fo leicßt zu beweifen, daß die
Erotik eine große Rolle in den neueften Luxus-
drucken fpielt, und erotifeße Bücher als fo-
genannte „Privatdrucke für Bibliophilen“ nur
gar zu beliebt find. Äucß Goethes „Eage-
bueß“ wird immer von neuem für diefe 3 wecke
mißbraucht, obwohl docß genügend Drucke vor-
liegen, aueß Sonder- und Privatdrucke der
jüngften 3eit, wie z. B. der gefcßmackvolle,
durchaus fachlich zu wertende Druck von Al-
fred Fjoennicke in Cßarlottenburg oder die
Privatausgabe des Anzengruber-Verlags
in Wien. Was foll man dazu fagen, wenn
diefes Gedicht nun in illuftrierten Monumental-
ausgaben uns vorgelegt wird, fogar in Groß-
quart, in ftßweres baibieder gebunden, auf
dickem Bütten, einmal jedes Blatt nur einfeitig
mit einer Strophe bedruckt, mit kitfeßigen Illu-
ftrationen, die nießt dem Inhalt des Gedichts
entfpreeßen, oder mit zwar feßr feinen Smcß"
nungen, die aber kaum noch 3ufammenßang
mit dem Gedicht haben. Ein Eitelblatt zeigt
fogar ein Puttenpaar, das fieß an einem pikanten
biftöreßen ergoßt. So feßen die beliebten mo-
dernen illuftrierten Luxusdrucke aus, die keine
Aßnung haben, daß die Anpaffung der äußeren
Form an den Geift der Dichtung das oberfte
Gefeß eines feßönenBuches ift. Ein echterKünftler
wird zu folcßer Ausbeutung der Kunft feine
band nießt bieten. Georg Minde-Pouet.
Neue Bücher und 3^tfd)riften
Valentiners neues Bud)1
Wer dies 360 Seiten ftarke Buch in Ruße bis
zu Ende gelefen hat, ift um ein feßönes Erlebnis
reießer. Kennte man Namen und Perfönlicßkeit
des Verfaffers nießt, möchte man kaum glauben,
daß dies Werk der Feder eines Kunftgeleßrten von
Fach entftammt, dem die exakte Forfcßung Aus-
gezeichnetes zu danken hat. Aus der Fülle
1 t£I. R. Valentiner, „3eiten der Kunft und der Re-
ligion“. Mit 44 Abbildungen. G. Grotefd)e Ver 1 ags-
bucl)l)andlung. Berlin 1919.

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