Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Kun ftpolitik — Sammlungen

Eine ähnliche Husftellung heimifcher Künftler
bringt jetjt der Lefßng-Bund. Er ftellt Gemälde
und Plaftiken von Mitgliedern des 3et)ner-
b und es aus, einer Hrbeitsgemeinfchaft Braun-
fchweiger bildender Künftler, die fid) vor einem
halben JaF>r unter der Führung des Bildhauers
Profeffor Jakob Fjofmann gebildet hat. 3um
3ehnerbund gehören Käte Bewig, Günter Claußen,
Heinrich Ernft, Marianne f)ähn-Gefellfd)ap, Berta
Fjeymann, Luife fjofmann-Mangold, Heinrich
Königsdorf, Hnna Löhr und Kurt Mohr. Künftler
verfchiedener Hrt befinden fid) in der Hus-
ftellung, denn der 3et)r>erbund verfolgt keine
fogenannte Richtung. Husgehend von dem Ge-
danken, daß jedes Schema das Ende des per-
fönlichen künftlerifchen Schaffens bedeute, fud)t
die Gruppe die künftlerifche Eigenart jedes ein-
zelnen Mitgliedes zu vertiefen.
Eine ganz andere Bilderfchau befindet fid)
zur 3eit im Sängerhaufe in der Parkftraße. Es
find fcüerke der abfoluten Malerei, die von kos-
mifchem Empfinden zeugen. Fritj Ohfe, der
junge Braunfehweiger Philofoph, hat fie gemalt.
Im Mai veranftaltet der Leffing-Bund eine
Husftellung von Bildniffen aus der 3eit bis 1850
aus Braunfehweiger Privatbefitj.
Das Kunftleben in Braunfchweig ift in Be-
wegung. Sd)r.
MarkusKappel und fein Vermächtnis
Der kürzlich verftorbene Berliner Sammler
Kappel, dem Bode zweimal einen warm empfun-
denen Nachruf fchrieb, follte — fo wurde in der
Preffe mitgeteilt — den wertvollften Ceil feiner
Schälje, darunter fechs Bilder von Rembrandt,
teftamentarifch dem Kaifer-Friedrich-Mufeum
vermacht haben, ttlie pd) jefet herausftellt, hat
Kappel noch ein Jahr vor feinem Code das
alte Ceftament umgeftoßen und der Staat erhält
nichts. Dagegen dürften die Erben die koft-
baren Bilder demnäcbft verkaufen, die wapr-
fcheinlid) den (lieg über das große Cüaffer gehen
werden. Hbgefehen davon, daß Berlin und
Deutfcßland auf diefe tüeife wieder einmal um
ein hervorragendes Erbe betrogen wird, verfteht
man die fd)merzlid)e Enttäufcbung Bodes fehr
wohl der an dem Hufbau der Sammlung Kappel
perfönlid) den ftärkften Hnteil genommen hat.
Ulie unfreiwillige Satire mag die Feftftellung
anmuten, daß der verftorbene Sammler fiel) noch
bis zu feinem Code in der Rolle des „Mäzens“
fehr wohl gefallen hat und daß ihm in den
Cagen der Unruhen die Reichsregierung fogar
eine Ehrenwache in fein Fjaus gab, um die
Schätze zu behüten, die angeblich bereits dem
Staat gehörten.

Sammlungen
Neuordnung der Florentiner Mufeen
In den Galerien von Florenz, die der tätigen
Kraft von Giovanni Poggi anvertraut find,
haben fid) in den lebten Jahren nicht unwefentliche
Veränderungen vollzogen. Vor allem find die
Uffizien in vollftändigerNeuordnung begriffen,
und ein großer Ceil des Gemäldefcßa^es der
Hcademie ift ihnen einverleibt worden. Nicht
weniger als vierzehn Säle und zwar diejenigen,
die pd) um die Cribuna gruppieren, find in ihrer
Neuordnung bereits vollendet.
Hus dem großen Gang, von dem fid) alle Ge-
mächer abzweigen, find fämtliche Gemälde ent-
fernt worden, die hier einft ohne jegliches Syftem
in buntem Cüechfel aufgehängt waren. Nur die
Sarkophage und die Statuen find zurückgeblieben
und nod) in Hufftellung begriffen. Die Cüände
werden eben mit jenen köftlicben Gobelins be-
kleidet, an denen die Sammlungen von Florenz
befonders reich find.
Die erften acht Säle, zu denen fid) der 3utritt
gleich links vom Haupteingang öffnet, ftellen
uns heute die Entwicklung der Florentiner Ma-
lerei des Quattro- und des Cinquecento in einem
einzigartigen Gemälde von Giotto und Cimabue
bis auf Bronzino und Pontormo dar. tüelcbe
Schäle von Meifterwerken des Filippo und Fi-
lipino Lippi, des Fra Bartolomeo, des Hndrea
del Sarto find hier vereinigt! die unvergleich-
lich ift die Sammlung von Meifterwerken des
Sandro Botticelli: Primavera und Geburt der
Venus, das Magnißcat und das fchwermütige
Madonnen-Condo mit den fechs Engeln, die Hn-
betung der Könige mit den Medici-Bildniffen
und die thronende Madonna mit Fjeiligen —
alles ift hier aus üffizien und Hcademie in einem
Saal vereinigt worden. 3Wßi befondere Räume
find den Ümbro-Sienefen eingeräumt. 3U den
prächtigen Bildern Signorellis haben pd) die
Meifterwerke Peruginos gefeilt, die früher faft
alle in der Hcademie gefudjt werden mußten.
Im folgenden Gemach pnden ßd) Raffael und
Michelangelo zufammen; in der Cribuna pel)t
man von den früheren Herrlichkeiten nur nod)
die Medicäifche Venus und den Schleifer. Hn
den tüänden wurden die Porträtdarftellungen
des Bronzino mit Gemälden feiner 3eitgenolTen
vereinigt: des Roffo, des Pontormo, des Da-
niello da Volterra.
Es entfprid)t dem Prinzip der Hnordnung
nach Schulen, wenn die Lombarden ebenfo-
wohl ein befonderes Gemach erhalten haben
wie die Meifter von Ferrara und Bologna. Das

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