Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Von PAUL ERICH KÜPPERS

Kubismus

Kunft ift Erfüllung menfcßlicßer Seßnfucßt. Alle Seßnfucßt ftrebt nach einem 3u-
fammenklang, der alle Diffonanzen wohltätig löft, nad) einer Einheit, in der alles
Fragwürdige und Vergängliche, alles Dumpfe uncf Klillkürlicße zur Klarheit be-
freit, zur Notwendigkeit gefteigert, zur Vollkommenheit vergeiftigt ift.
Aber Sehnfucht ift nur wo Liebe ift, darum ift alle wahre Kunft aus Liebe geboren.
Liebe befeelte den Maler, da er fid) vornahm, ein kleines Veild)enfträußcßen zu
malen. Mit den Augen umfaßte er das befcßeidene Ding, um ja all fein Dafein recht
in fid) aufzunehmen. Er verglich es immer wieder mit den Strichen, die aus feinem
Silberftift floffen. Er gab fiel) alle Mühe, alles fo zu geftalten, wie es vor ihm war
und wählte mit Sorgfalt die Farbe, damit fie nur ja jener Farbe entfpreeßen möchte,
die das Pflänzlein aus Gottes Erdboden gefogen hatte. Er glaubte gewiß nur ein
Abbild der Blumen, nur ein befeßeidenes Konterfei gegeben zu haben, und hatte doch
— oßne daß er es wollte und wußte — die geiftige Exiftenz des Dinges ans Ließt
gezogen. Denn, „da ißm ja zu diefer Stunde kein anderes lebt als diefes, diefes ge-
liebte allein in der Kielt, die Kielt ausfüllend, es und die Kielt einander ununterfeßeidbar
deckend“, fo ßat er es von aller Umwelt befreit, von aller Relativität erlöft und in die
reine Sphäre des Abfoluten getragen.
Naturalismus und Impreffionismus, alles irgendwie imitative Bemühen hätte von vorn-
herein mit Kunft nichts zu tun, träfen diefe Scßlagworte das Klefentlicße. Aber geben
die Klerke von Fjolbein und Leibi, von FJals und Manet nur treue Abbilder der Klirk-
licßkeit? Nicht das äußerlich Ablesbare, nicht die vermeintliche Übereinftimmung von Natur
und Bild ift das Entfcßeidende, fondern die künftlerifcße Form: der Rßytßmus des
Lebensgefüßls, das alle Elemente des Kunftwerkes befeßwingt, das die Farbe mit der
Inbrunft tiefer Empfindung erfüllt, die Linie in unfäglicßer Melodik aufklingen läßt und
aus diefen Urftoffen eine Einheit aufrießtet, die über alles Vergängliche triumphiert.
Grünewalds glühende Cafeln reden zu uns wie Gott aus dem brennenden Dornenbufcß,
van Gogßs lodernde Leidenfcßaft reißt uns in eine Kielt, die von dämonifeßen Gefüßls-
ftrömen durcßwüßlt ift, Renoir bettet alles Getrennte und Vereinzelte in die wunder-
volle Einßeit des goldenen Lichts, die ftarre Ordnung Picaffos fteßt wie eine ungeheure
Kleisfagung vor uns auf, und willig verlieren wir uns in die erdenferne, zärtliche
Craumwelt Paul Klees .... Ift dies alles nicht wahrer, wirklicher, dauernder als das
Cßaos, in das hinein wir geftellt find? Und ift hier nicht alles, was draußen unver-
einbar und feindfelig auseinander ftrebt, zu einer Ganzheit verbunden, die uns alle
Verworrenheit und Unraft des äußeren Lebens vergeffen läßt?
Je ßoffnungslofer der Menfcß im Klirbel der Erfcßeinungen fteßt, mit um fo heißerer
Seßnfucßt ftrebt er nach der großen Fjarmonie. Aber nur wenn er fid) mit der ganzen
Kraft feiner Liebe über die Erde neigt, gibt fie ißm das Geheimnis ißrer göttlichen
Herkunft preis. Und indem er fid) felbft in ißr erlebt und wiederfindet, offenbart fiel)
ißm die göttliche Einßeit von Kielt und Icß.
Nur wer es vermag, den Kriftall diefer Einßeit ans Ließt zu heben, daß auch die
3erriffenen und 3weifelnden feiner froß werden können, der ift zum Künftler geweißt.
Diefer Verfucß einer grundfä^licßen Klefensbeftimmung künftlerifcßer Geftaltung ift
nicht überflüffig. Klollten wir auf ißn verzichten, fo könnten wir bei diefer Apologie
des Kubismus in den Verdacht kommen, wir ließen als Kriterium eines Kunftwerkes

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