Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Parifer Ä U S ft e 1 1 U n g e n : Nadelmann. Matiffe

bei B e r n 1) e i m jeune / Salon d’Äutomne / Galerie Simon
Mit 3 Abbildungen Von ADOLPHE BASLER


Der polnifcfye Bildhauer Nadelmann, der vor ungefähr zehn Jahren durch feine
Äusftellung bei Druet fiel) als ein ganz erftklaffiges Bildhauertalent enthüllt t)atte,
[teilt nun bei Bernheim jeune die Früchte feiner jüngften Epoche aus. Man war
verfudjt, feinerzeit in Nadelmann einen Bahnbrecher zu erkennen, einen, dem das Ge-
heimnis wahrer Plaftik erfchloffen war und der imftande wäre, einer Kunft, die der
Dekadence zu verfallen fd)ien, wieder ihren wahren Sinn geben zu können. Ein
großes Verftändnis, gepaart mit einem ftarken plaftifdjen Calent, ließen glänzende Ent-
wicklung vorausaßnen. Diefe Hoffnung \)at [ich leider nicht erfüllt. Nadelmann ge-
hört nun einmal nicht zu jenen echten Künftlertemperamenten mit dem Empfinden für
wahres Maß in der Kunft. Geringe menfcßliche Vertiefung, Mangel an Intenfität und
die Anhäufung kühler, faft wiffenfchaftlicher Methodik durch ein gut organifiertes, aber
kaum kultiviertes Gehirn — alle diefe Faktoren konnten Nadelmann nur zu jongleur-
hafter Virtuofität erziehen. Der Krieg, der ihn zwang, in Amerika Gaftfreundfctjaft zu
fuchen, wirkte da in gleichem Sinne. Ein fed)sjähriger Aufenthalt in New York Y)a\
diefes Cemperament verebbt. Mit feinen heutigen ÜUerken will er reine Plaftik geben.
Doch wird Nadelmann mit feiner Kombination von polychromem Archaismus und modernem
Puppenfchema dem künftlerifchen Gefchmack der „fiftt) avenue“ ficher willkommen fein.
(Die anders erfreulich wirkt die Äusftellung von Matiffe. Ein wahres Feft — das
Auge des Befchauers gleitet genießend von einem Bild zum anderen. Der Erfolg, den
Matiffe davonträgt und fein ÜLIiderhall bei den Amateuren, die von diefem „ödunder“
bezaubert find — „diefem CDunder, das in der Vifion des Malers liegt und in der Kraft,
diefe Vifion zu reproduzieren“ (fo drückt [ich der Dichter Vildrac in feinem Vorwort
zum Katalog aus) erinnert mich an eine ähnliche Klundererfcheinung, deren 3euge ich
vor ungefähr 20 Jahren war, da ich die Serien der „Nympheas“ und der Chemfebilder
Claude Monets bei Durand Ruel bewunderte.
Auch Monet hatte diefe einheitliche Vifion im Dienfte einer ganz wunderbaren Fähig-
keit des Auges. So wie damals Claude Monet feinen großen Erfolg davontrug, aller-
dings auf Koften eine*s Renoir, vor allem aber Cezannes — des zu jener 3eit von
Amateuren und Kunftkritikern woßl am meiften verkannten Künftlers — fo leicht
triumphiert heute Matiffe, ohne jedoch den jungen Ruhm eines Derain, eines Brague
oder Qtrillo irgendwie zu beeinträchtigen. . . .
Matiffe tritt wohl überall entfehjeidend hervor. Er dominiert im Salon d’Automne.
Die Qualitäten an Lebendigkeit und Kraft, die fein dort ausgeftelltes Bild be[it$t, find
hervorftechend. Doch weit entfernt, fiel) von dem großen Stücke zermalmen zu laffen,
zeigen die zahlreichen Ausfteller des Salons, daß der Einfluß, den Matiffe auf die
jungen Geifter hatte, zu Ende ift.
Diefer Salon, deffen künftlerifches Niveau [ich aus der Sichtung durch eine Jury er-
gibt, bietet dem Kritiker nicht gerade volle Möglichkeit, die begehenden Strömungen
richtig zu bewerten. Er ift eher eine mondaine Vorführung, in der die Jünger der
neuen Schule, fowot)l die bereits berühmten als auch jene, deren Namen anfangen ge-
nannt zu werden, ihre Sommerproduktion zur Schau bringen.
3weifellos gibt es in der Maffe des hier Ausgeftellten manches Stück von Bedeutung,
allein dies berechtigt allenfalls nur zu einem intereffanten Reporterbericht für eine Cages-

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