Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Äusftellung en

Die CUirkung diefer drakonifcben Beftimmung
ift kaum auszudenken. Paris, bisher das 3entrum
des internationalen Marktes, wird fortan keine
Rolle mehr im Kunftbandel fpielen können. Äls
Einkaufsplalj bat es jedenfalls mit jenem Tage
aufgebört zu beftetjen.
Nur überfpannter und verblendeter Nationalis-
mus f>at im demokratifcben Frankreich ein folcbes
Gefetj Tatfacbe werden laffen können.
Äusftellungen
Frankfurter Kunftausftellungen
Durch die im lebten Äugenblick der Kunftmeffe
im „Römer“ angegliederte Äbteilung moderner
Monumentalkunft wurde die in der erften Mai-
hälfte ficbtbare „Jabresaus ft ellung des
Frankfurter Künftlerbundes“ im Kunft-
verein ihrem Erfolg nach entfcbieden beein-
trächtigt.
Und dod) erfcbien ihre Haltung vielfeitiger
als jene ihrer Vorgängerin vom ßerbft 1919,
vielfeitiger und, was dabei unvermeidlich ift,
direktionslofer im Fjinblick auf das moderne
3iel. Grau in Grau blickte einem das etwas
müde, wenig lebensfreudige Porträt Dr. Luppes
von Jakob Nußbaum an, einem Maler, der
immer noch bei dem farbenfcbeuen Berliner Im-
preffionismus der neunziger Jahre verharrt, ohne
etwas von den jüngeren Ideen in fein male-
rifcbes Schaffen aufnehmen zu wollen, das darum
eigentlich nur noch in der Graphik, in feinen
Bleiftiftfkizzen, fpontan lebendig wirkt. Daß es
aber durchaus möglich ift, auch auf dem Boden
impreffioniftifcber Naturauffaffung einen Stil blü-
bendfter Farbigkeit und gleichzeitig gedämpften
Schmelzes zu erreichen, zeigten die fo ftimmungs-
vollen Bildniffe Guftav Scbraegles, „Blondine
mit 3igarette“, „Mädchen in Rot“ ufw. Auch
die mehr zeichnerifche Mathilde Battenberg
verftebt es, ihren Bildern bei aller Orientierung
an der Klirklicbkeit eine eigenartige Note deko-
rativer Buntheit zu verleihen. — Den Übergang
von impreffioniftifcber zu expreffioniftifcher Kunft
ftellteÄlexander Soldenhoffs gewaltig groß-
artige Kreuzigung dar, wie eine moderne Syn-
tßefe aller biftorifcben Barockmeifter von Grüne-
wald über den Greco bis zu Tiepolo wirkend in
der farbig durchglühten Ekftafe feiner tief emp-
fundenen Geftalten, die ficb von einem Unheil
kündenden Gewitterhimmel abheben. Äus feiner
zur 3eit bei Scbames ftattßndenden Kollektiv-
ausftellung feien vor allem die ftillebenbaft ab-
geftuften Blumenftücke und die mit Rafßnement
getönten Cinten-3eid)nungen hervorgehoben.

Von den eigentlichen Expreffioniften waren auf
der Jabresausftellung Gottfried Diebl („Ärtiften“),
Reinhold Ewaid (eine Krankenfcbwefter in zartem
Silberton), Babberger wieder mit intereffant kom-
ponierten Figurenftücken, einer Älpenlandfcbaft
und mit Blumen, vor allem aber Fj ermann Lis-
mann mit feinem „Orgelfpieler“ gut vertreten,
letzteres ein Bild von reinfter Mufik in dem wohl
abgewogenen Lineament feines kompofitionellen
Äufbaus und den faft aquarellhaft zarten Tönen:
man darf gefpannt fein auf die äftbetifcbe For-
mulierung der perfönlichen Kunftprinzipien, die
diefer feinfinnige Maler in allernäcbfter 3eit als
Buch zu veröffentlichen denkt.
Äuch diesmal begleiteten Plaftik undÄrcbitektur
in befcbeidenerem Maß die Malerei der Jabres-
ausftellung: von Benno Elkan realiftifcb durch-
modellierte Porträtköpfe, ebenfo eine gute Bild-
nisbüßte des Prof. Dr. Reim von Emil Fjub, von
CUilhelm Obly leicht an mittelalterliche Relief-
gebundenheit anklingende Leidensftationen für
den Frankfurter Dom, von Paul Seiler und von
Carl Ulagner ins Geiftige gefteigerte Frauen-
geftalten, deren Kompofition einen vorzüglichen
3ufammenfluß der Linien aufwies. — Von Archi-
tekturen waren fcbließlich noch die merkwürdig
guten, expreffioniftifchen Siedelungsentwürfe —
aber leider nur „Entwürfe“ — von Otto Fucker
zu nennen, der neuerdings auch böcbft amüfantes
Kunftgewerbe anfertigt, und das Teilmodell zu
Paul Paravicinis Fjaus Äutenrietb auf dem
Mühlberg in Sacbfenbaufen, an dem man fo
recht die Strenge des vertikalen Rhythmus, die
klare Flächenmäßigkeit des Reliefs bewundern
konnte, Eigenfcbaften, durch die diefer Bau-
künftler, der jeljt wieder im CUettbewerb zur
Äusgeftaltung der Nordwand der Braubacbftraße
fiegte, fich zum Führer der Frankfurter Moderne
gemacht hat.
Der gefcbilderten Jabresausftellung folgt nun
zur 3ßit im Kunftverein eine umfangreiche Ge-
dächtnisausftellung von Ölbildern, Aquarellen,
bunten und fchwarzen 3eicbnungen für den mit
27 Jahren am 26. September 1914 in der Cham-
pagne gefallenen Kölner Äuguft Macke. Mit
einem ausgefprocben bejahenden, mufikalifcb
heiteren Temperament begnadet, beberrfcbte
diefer jugendliche Geift die ganze bildend künft-
lerifche Entwicklungsfolge von dem noch ftreng
gegenftändlicb gefeffelten Impreffionismus —
Macke machte eine kurze Äkademielebre in
Düffeldorf durch — bis zu dem lediglich in Farben
und ftereometrifchen Formen fich ausbalancieren-
den Kubismus, der mit ftärkfter Betonung fich
ftets als „gegenftandlos“ bezeichnet. Gern und
voller Naivität gibt er fich allen Einflüffen bin,

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