Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Neue Graphik — Neue Bücher

Kompoptionen wie den Crinkfprud) und den
großen Schmerzensmann verdanken.
ßermann Struck hat während des Krieges
in Polen 50 Lithographien, Cypen von Oftjuden
darftellend, gefchaffen, die in der Druckerei des
ehemaligen Gebietes Ober-Oft recht mäßig ge-
druckt, nunmehr in Buchform mit einem aus-
führlichen Cext von Arnold 3weig unter dem
Eitel „Das oftjüdifche Antlik“ im Cüelt-Verlag,
Berlin, erfchienen find. Die Steinzeichnungen
find durchweg flüchtige Skizzen, die den Künftler
nicht gerade von der günftigften Seite zeigen;
manchesBlatt wäre vielleicht befferweggeblieben.
Im allgemeinen ift es aber ein Buch mit inter-
effanten Eypen, unter denen befonders die alten
Männer als prächtige Charakterköpfe erfcheinen.
Völlig mißglückt jedoch ift der Einband mit feinem
ftarren und feelenlofen Judenköpfchen. K. S.
95 Köpfe von Orlik1
An 95 willkürlich zufammengeftellten Bildnis-
fkizzen Emil Orliks verfucht Max Osborn
„den Menfchenkopf als das große tlrproblem
allen Formbegreifens“ zu definieren und ergeht
ßich nach einigen recht intereffanten allgemeinen
Bemerkungen feiner Einleitung in reichen Lobes-
hymnen über den Künftler, deffen Köpfe in der
„gravitätifchen Syftematik des Alphabets“ auf-
marfchieren. Orliks bunt durcheinandergewir-
belte Entwürfe halten diefem Äuftakte nicht
vollauf ftand, denn mit wenigen Ausnahmen —
wie z. B. die Darftellungen Fjermann Bahrs,
Richard Dehmels, des flott gezeichneten Schalom
Afcb und dem charakteriftifchen Kokofchka —
um nur einige Proben zu nennen — find es
hauptfächlich Karikaturen von nicht gerade
präzifer öüefenserfaffung. tüenngleich Kühl-
manns Fjaltung getroffen ift, fo ift doch der
Gepichtsausdruck verfehlt; ebenfowenig ift Oskar
Bie, der doch recht fanft und niemals fo bra-
marbasmäßig dreinfcßaut, gelungen und Lovis
Corinth mit einem ihm völlig fremden jammer-
geßicht wiedergegeben. Das Buch, deffen Aus-
ftattung durchaus zu loben ift, blättert Pich ein-
mal ganz luftig durch, enttäufcht aber doch in-
folge feiner zu geringen geiftigen Bewertung
der Dargeftellten. K. S.
Änkündigungen
Cüilly Jaeckel, der auf der Scbwarz-weiß-
Husftellung der Berliner Sezeffion einige Äuf fehen
erregende Blätter biblifchen Inhaltes zeigt, arbeitet
in der füllen 3urückgezogenbeit eines bayri fehen
Gebirgsdorfes an einer großen Bibel, die mit
234 Radierungen gefcbmückt werden foll. Diefes
1 Verlag Neue Kunftl)andlung, Berlin dl. 50.

einzigartige Monumentalwerk, das der Künftler
bis zum Frühjahr zu beenden gedenkt, ift be-
reits bis zu 110 Radierungen fertiggeftellt. Eine
ganz neue Eextübertragung foll die Bibel zu
einem lebendigen, den Anfcbauungen unferer
3eit gerecht werdenden merke geftalten.
Paul Caffirer, Berlin, verfendet nunmehr
das Verzeichnis der erften neun Fjolzfchnitte von
Ernft Barlach, auf deren Bedeutung wir be-
reits bei anderer Gelegenheit hinwiefen Diefe
eindrucksvollen Meifterwerke unferes beftenFjolz-
künftlers bedürfen nicht der empfehlenden ttlorte.
Jedes einzelne Blatt atmet Größe, Seelenhaftig-
keit und Gefchloffenheit.
Neue Bücher
Baukunft und dekorative Plaftik der
Früfjrenaiffance in Italien
Als elfter Band der bekannten Bauformen-
Bibliothek, die der Verlag von Julius FJoff-
mann in Stuttgart herausgibt, ift Anfang des
Jahres ein neues merk unter dem obigen Eitel
erfchienen, deffen Verausgabe Julius Baum
beforgte. Das Buch ift befte Friedensware und
es darf angenommen werden, daß es bereits
vor Ausbruch des Krieges zum größten Eeil
fertig vorlag. Mit 467 meift ganzfeitigen Ab-
bildungen, die in prachtvoller Klarheit auf beftem
Kunftdruckpapier gedruckt ßind, bietet es einen
unübertroffenen Reichtum aus dem ardbitekto-
nifchen Erbe des italienifchen Quattrocento dar.
Die großen 3er,tren der Frührenaiffance mit
ihren altbekannten Palaft- und Kirchenbauten
beftreiten etwa die Fjälfte des Gefamtmaterials.
Daneben find es vor allem die arebitekturge-
fcbichtlich To eminent wichtigen und zum Eeil
fehr entlegenen Provinzdenkmäler, die den Reich-
tum diefes Bandes ausmachen. Viele diefer Auf-
nahmen, die auch dem Italienkenner noch eine
Fülle von Überrafchungen bieten, febeinen für
dies merk erftmalig aufgenommen zu fein. Ob
im einzelnen die Auswahl nicht doch diefe oder
jene Lücke offen läßt — mir febeinen z. B. Ve-
rona, Padua und Venedig ein wenig zu ftief-
mütterlicb behandelt zu fein — ift im Hinblick
auf das Ganze eine Frage untergeordneter Natur.—
Eextlicb hat der Herausgeber unter dem Stich-
wort „Fortleben oder miedergeburt der Antike?“
eine tiefgründige Einleitung beigefteuert, die in
weitem Rahmen die Probleme wijjenfchaftlicher
Erkenntnis, foweit fie diefe Kernfrage betreffen,
zufammenfaßt. Die Gegenüberftellung von An-
tike und Mittelalter ift ebarakteriftifeb gedeutet,
die Problemftellung felbft grundlegend durch-
leuchtet. Ein befonderes Lob verdient auch das

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