Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Emy Roeder / Über das Formproblem der Plaftik

Von ALFRED KUHN

Mit 9 Abbildungen

s ift kein 3ufall, daß die Plaftik immer vor der Malerei kam und ißr zu allen


3eiten überlegen war. Nicht weil die Überführung des dreidimenfionalen Cat

*■—A beftandes in den zweidimenfionalen optifd)en Eindruck fcßwerer ift, fondern weil
plaftifcßes Bilden die Urform künftlerifcßen Schaffens überhaupt darftellt, weil hier wie
nirgendwo der Künftler das myftifche Spasma des göttlichen 3eugens erlebt. Im
Beginn des Schöpfungsmythus fteht die Geftalt des aus einem Erdenkloß formenden
Jaßwe und im Beginn der Fjefiodfchen Cheogonie der in gigantifcher 3eugungsleidenfd)aft,
in einem wahrhaft göttlichen Erosgefühl bildende Prometheus. Im Anfang war die Plaftik.
Anders bei den Germanen. Aus dem Leib des erfchlagenen Urriefen Ymir machen
Odin, UCIile und Ule die Ulelt. Sein Fleifct) wird das Land, feine Knochen die Ge-
birge, fein Blut das Meer, feine Fjirnfchale die F)immelskugel. Nicht aus Erde werden
die Menfchen geknetet, fondern aus zwei Bäumen entftehen fie. Aus der Efche wird
Ask, der Mann, aus der Erle Embla, das Uleib. Man kann fidh keine unplaftifchere,
untaftbarere Phantafie vorftellen. Alles ift hier maßlos, wogend, zerfließend, wie zer-
riffene Ulolkengebilde, die im Gebirge des Nordens pd) zu furchterregenden Geftalten
auftürmen oder wie die dunklen Ulälderfchatten, in deren Ciefen die Unholde häufen.
Diefer grundfätjliche Unterfchied zwifchen orientalifch-antikem und nordifchem Empfinden
ift immer geblieben. Nie hat der nordifche Menfch aus pcp heraus das Ulefen der
Plaftik zu erfaffen vermocht, nie war fie ihm eine reine Angelegenheit des Caftfinns;
als eine kubifche, eine der fjand fid) entgegenwölbende Schöpfung hat er diefe Ulelt
nie erlebt. Nicht grundlos war es im Norden, wo der Schnißaltar entftand, auf dem
Plaftiken, nebeneinander in einer Ebene angeordnet, ihrer plaftifchen Einzelexiftenz
und Einzelfunktion entkleidet wurden, um einem Gemälde gleich malerifche Dienfte zu
tun. Nicht grundlos war es der Norden, der die fpätgotifche Gewandfigur erfchuf, auf
deren zum unfinnlichen Schema eingefchrumpftem Leib das Gewand fich bläht, die
3ipfel aufgewirbelt werden vom Ulind und mitten im Schwung feftgefroren fcheinen.
Es ift durchaus falfd), von der Plaftik gotifcher Faltenberge zu fprechen. Dier handelt
es fich um das Lineament, deffen tUohllaut erlebt werden foll. Abtaftbar ift eine
gotifche Gewandfigur nicht. Nur gefehen will pe werden. Mit dem Auge foll man
dem Fluß ihrer Linien nachgleiten, den Rhythmus ihrer Schwingungen nachfühlen,
hinein in die tiefen Schatten der Faltentäler und über die hellen Grate der Faltenberge.
Nicht anders im Barock. Nie war eine Epoche dem (tiefen der Plaftik ferner und
ihren immanenten Gefehen, die da find Kubik, Statik, Dauer. Das Barock ift Illufionis-
mus, ift Negation der Schwere, ift höchfte Bewegung, Momentaneität. Eine Epoche,
die alle Grenzen zwifchen den Künften aufhebt, die malerifche Gebilde in plaftifcpe
übergehen läßt, (tlolken aus Stein oder aus vergoldetem ßolz unter die Füße der
^eiligen fd)iebt, und die immateriellen Strahlen des Lichtes in taftbare Formen zwingt,
konnte wahre Plaftik nicht hervorbringen.
Auch der Impreffionismus konnte es nicht. f)ier ift alles bewußt auf Seßwerte ein-
geftellt. Der Name Rodin benennt die Epoche, (die in der Gotik ift ihm der Licht-
einfall alles. Das Licht arbeitet faft felbftändig, gleichberechtigt neben dem Bildner.
Das Augenblickshafte wird gezeigt, das ftändig dlechfelnde, Flackernde, Überrafchende.
Der Stein entzieht pd) bewußt der Berührung. Man ift nie verfucht, ihn abzutaften.
Seine Epidermis fpricht nicht zur ßaut, fie ftößt fie zurück und zwingt in die Ent-

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