Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Kunftpolitik

fcßeinen uns die angeblichen Revolutionäre die[er
3eit, die fiel) da mit Hunderten von Bildern
breitmad)en. Fjier kreift eben alles um die Schatten
derer, für die einmal „Der Sturm“ gekämpft.
Ein Kandinsky hat zwei Duzend Parafiten ge-
funden, felbft einEopp fieht fid) von lauter „Eöpp-
d)en“ umringt und fogar der Erfinder von Anna
Blume und Merzmalerei hat über Nacht ein
Duzend Frofd)laid)en gezeugt, die zu kleben und
zu nageln verfuchen und auf Pinfel und Malerei
pfeifen. Soll das etwa der neue Stil diefer 3eit
fein? Können wir überhaupt in einer 3eit, die
fo in Geburtswehen kreißt wie die unfrige, je
zu einem Stil kommen?— Nein, aber die Schöpfer,
die wir haben und auf die wir ftolz fein können,
weil fie innerhalb der neuen Kunft immer ftärker
ihre Führerfcßaft dokumentieren, die berufen find,
in einigen Jahren auch international für die
deutfehe Kunft zu zeugen, wollen wir uns nicht
mehr durch ein parafitenhaftes Mitläufertum dis-
kreditieren laffen, das allen Gegnern der Mo-
derne, die fd)on von einem „Stuck“ oder „Puh“
des Expreffionismus reden, das Spiel gar zu leicht
macht. Ängefichts folcher Jahrmarktrevuen kann
man es allerdings verfteßen, wenn felbft folche
Köpfe, die einmal literarifch die berufenen Führer
der Moderne waren, langfam der Refignation ver-
fallen. Ihnen ift dennoch nicht zuzuftimmen, denn
die fchöpferifche Konfeffion diefer 3eit, die fid)
in den Werken Derer manifeftiert, für die unfere
3eitfd)rift kämpft, ift fo aus dem Urgrund diefer
Zeitenwende aufquillend, fo im lebten zeitenlos
in dem reinen Gefühl verankert, das feit Ur-
beginn Kunft erfteßen ließ, daß diefe Faßnen-
ßüchtigen höchftens Bedauern verdienen. Äber
auch dies ift kein Beweis für demokratifeße Frei-
heit, daß fie den Narren und Stümpern Zände
bereitfteilt, um ein Publikum, das vielleicht eben
erft den Zeg zur jungen Kunft gefunden, von
neuem kopffeßeu zu machen und in das Lager
der Reaktion zurückzuftoßen. Solange die an-
gebliche „Freiheit“ nichts ift als ein Freipaß für
den Unfertigen, den Charlatan und Mitläufer,
hat fie ihr Dafeinsred)t in der neuen Republik
verwirkt. Aufteilungen wie die der November-
gruppe in ihrer heutigen 3ufammenftellung, füllten
ebenfo verboten fein auf Grund unferes demo-
kratischen Bewußtfeins, das dem Volk alle wahren
Segnungen aud) der Kultur zuführen will, wie
wir feit langem fchon (d. ß. bereits in den Eagen
eines neudeutfehen Imperalismus) dafür geftimmt
haben, daß — je eher je lieber — die ftaatlid) fub-
ventionierten Akademien gefd)loffen werden, da-
mit die Kunft unferes Volkes wie in alten-Eagen
wieder aus dem Fjandwerk hervorwachfen kann.
Fjätte pd) die Novembergruppe auf fünfzig Bilder

und ein Duzend Plaftiken (mit den überzeugenden
Schöpfungen von Emy Roeder, O.Fjerzog, Fjerbert
Garbe) befchränkt, dann wäre diefeKunftfd)au eine
weithin fid)tbare Manifeftation modernen künft-
lerifchen Bekennertums geworden. Da fie aber
zu der Maffe der angeblich Radikalen (man nenne
fie ruhig die Akademiker von links) ihre 3ußucßt
nahm, nur um Zände und Säle zu füllen, dis-
kreditiert fie in unerhörter Art die deutfehe Mo-
derne, ift fie lebten Endes reaktionärer als alles,
was fid) auf dem rechten Flügel im Glaspalaft
am Lehrter Bahnhof breit macht. Mit diefer Au-
fteilung hat fie ihr Dafeinsrecht verwirkt und es
bleibt nur zu hoffen, daß die wenigen wirklichen
Ealente, die vielleicht aus Überdruß an dem böfen
Cliquentum der Sezeffionen auf diefen Flügel ge-
raten find, bald den Anfd)luß nach irgendeiner
Seite hin gewinnen möchten. Im ganzen aber
füllte — ob rechts oder links gefeßen — dies die
letzte Ausftellung fein, die wir als Maffenfchau
am Lehrter Bahnhof erleben.
Es ift nicht zu leugnen, daß der Fall der No-
vembergruppe in mehr als einem Sinne fympto-
matifd) für den Ausftellungsbetrieb im neuen
Deutfchland ift. Zer fchon an die Möglichkeit
einer künftlerifcßen Erziehung des Volkes durch
fold)e Darbietungen glaubt, füllte alle Mittel
mobil machen, um endlich (hat er pe beifpiels-
weife in der Fjand wje der weiland Kultus-
minifter) einmal dem Publikum zu zeigen, was
wir an wirklichen Kräften im jungen Deutfchland
befigen. Solche Ausftellung dürfte aber nicht
dem Urteil der Künftler unterliegen, fondern pe
müßte von langer Fjand hör vorbereitet werden,
und geftüßt auf wirkliche Kennerfchaft und Ein-
fühlung in die 3iele unferer 3eit organifiert fein.
Möglich, daß Darmftadt heuer fo eine Art von
Probe auf diefe Eßefe ift. (Darüber wird noch
zu fprechen fein.) Zas man diesmal in Berlin
fieht — auch die beiden Sezeffionen pnd nicht aus-
genommen — ift fchlimmfte Verwäfferung einer
Dokumentation wirklich vorhandener Kräfte, die
nicht nur für uns, fondern heute mehr als früher —
aud) für die übrige Zelt künftlerifche Konfeffion
eines fonft arm gewordenen Volkes fein könnten.
Biermann.
Der Sturm und die Berliner Preffe
IJerr PaulZeftheim bittet uns um Aufnahme
folgender Rid)tigftellung, die wir mit den Gegen-
äußerungen des Sturm hier wiedergeben:
„Redaktion des Cicerone, Fjannover.
Im Anfcßluß an die Notiz ,Nochmals deutfeß-
franzöfifeße Kunftbezießungen1 erfueße ich höf-
lich ft um folgende Rid)tigftellung: Die 3ufd)rift
des Sturm ift der Verfucß einer Irreführung.

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