Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Ein neues Verfahren zur Meifterbeftimmung
und Ergebniffe desfelben Von LEOP. OELENHEINZ-Coburg


Vorbemerkung des Herausgebers
Die nachfolgenden Ausführungen machen zum erstenmal die breitere Öffentlichkeit mit
einem Verfahren bekannt, das — zwar noch in den Anfangsstadien befindlich — dennoch
berufen sein dürfte, für die Folge der Kunstwissenschaft ein wichtiges Hilfsmittel bei allen
Fragen der Echtheit und der Meisterbestimmungen darzubieten. In jahrelanger Arbeit hat
Prof. Oelenheinz die Grundlagen für die praktische Verwendung des siderischen Pendels im
Dienste der kunstgeschichtlichen Forschung gefunden. Wer — wie der Schreiber dieser
Zeilen — Zeuge der mehr als verblüffenden experimentellen Versuche gewesen ist, wird
sehr bald eine anfangs begreifliche Skepsis dem Pendel gegenüber überwinden, dessen
Bedeutung auch für andere Gebiete wie Kriminalistik, Psychopathie pp. längst erwiesen
ist, obwohl es auch hier noch jahrelanger Arbeit bedarf, um ein für die praktische Ver-
wendbarkeit fundiertes Grundsystem zu entwerfen. Die Versuche von Prof. Oelenheinz,
einem Verwandten des bekannten Hofmalers gleichen Namens, sind — zunächst nur in engen
wissenschaftlichen Kreisen vorgetragen — geeignet, dennoch berechtigtes Aufsehen zu erregen.

Der (Xlunfd), die ün{Id)eri)eiten der Meifterbeftimmung, namentlich) von Gemälden,
welche urfprünglid) lediglich) auf Grund langer Erfahrung im ftilkritifchjen Ver-
gleichen nach) verfchjiedener Richtung und „gefühlsmäßig“ erfolgte, möglichst zu
verringern, führte auf die Verfahren von Prof. Lawry und Exz. Rählmann. Man kann
diefe die mikrofkopifchen nennen. Das eine vergrößert die Gemälde äußerlich, fo daß
der Pinfelftrid) ganz klar wird, das andere vergrößert die Struktur innerlich und ftellt
die 3ufammenfefeung der Farben klar. Dazu gefeilte fich das Verfahren von Dr. Faber-
Cüeimar, welcher Röntgenbilder herftellte und dadurch ebenfalls wertvolle Einblicke in
den Bau von Gemälden gewann (Mufeumskunde, Bd. X, S. 155 ff.), aus deffen Eigen-
heiten fich, wie bei den vorgenannten Methoden, ein Urteil über Echtheit je nachdem
ermöglicht.
Dazu kommt als neues, anders geartetes Verfahren die Meifterbeftimmung mittels
des (Ilünfchelrings, auch fiderifcher Pendel genannt, bzw. der UIünfcf)elrute felbft. Es
mag verwunderlich erfct)einen, daß ein Ring oder fonft ein Pendelkörper am Seiden-
faden (etwa 30 cm lang) zwifcßen Daumen und 3eigeßnger gehalten — das eben ift
die einfache Form und Handhabung des Pendels — anzeigen folle, ob ein Gemälde
echt oder unecht ift. Es werden fich Stimmen des 3weifels erft recht erheben, wenn
gefagt werden muß, daß man nicht einmal das CIrgemälde felbft nötig zu der Unter-
fuchung hat, fondern, daß eine unretoucßierte Photographie, ja fogar eine Äutotypie,
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