Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Mit 9 Abbildungen / Von ERNST COHN-WIENER

Willy Jaeckel

ir leben zwifcpen den 3eiten, friften uns zwifcpen 3erftörung und Wiedergeburt.


Wir find wie die Spätrömer, die, nocp beraufcpt vom Gaftmapl des Crimalcpio

* " und das ironifcpe Spötteln Lukians auf der 3unge> mit all ipren Gedanken nad)
einem Gott rufen, der fie erlöfe. Nocp erfüllt er fiep uns nicpt. Denn wir paben nid)t
— nocp nicpt — den rupig ftarken Glauben einfacher 3eitalter, die ib)re Gottheit felbft-
verftändlicp wie eine Datfacpe über fid) walten laffen, fie anbeten, pe mit Gebet und
Opfern ernähren. Wir müffen pe aus unferer Sepnfucpt wieder auferftepen laffen,
nacpdem kalter Rationalismus pe zum andern Mal gekreuzigt patte.
Es ift kein 3ufall> daß der Künftler diefe Sepnfucpt [tärker erlebt, als jeder andere
unter uns. Der Nicpt-Künftler tut, erwirbt, denkt. Der Verftand ift feine tätigfte
Geiftesfunktion — Emppnden ift eine Delikateffe, die er pcp nur an Fefttagen leiftet.
Der Künftler pat folcpen Fefttag fein Leben lang, und das Gefüpl wirkt jede feiner
Daten. Gefüple zur Form geftalten peißt eben: Künftler fein. Kunft fcpaffen peißt:
Sepnfucpt zur Erfüllung bringen, ünd fo zeugt der Künftler für feine 321t aus feiner
Sepnfucpt nacp dem ünendlicpen ipre Vorftellung von Gott. Deute wie einft. Was man
von Ppidias fagte, daß er der Religion felbft neue Gefüple gegeben pabe, kann man
aucp von Raffaels Madonnen, von Micpelangelos weltfcpaffendem Gottvater fagen,
kann von jedem Künftler bepaupten, daß feine religiöfen Viponen die Vorftellungen
fcpaffen, die die Gemeinde pcp von iprer Gottpeit macpen wird. In unferer 3^it, in
der aus allen Seelen Gefüple zu religiöfer Erneuerung drängen, peißt das, daß die
Maler von peute im Begriff pnd, die Kunftformen für die Altäre der 3ukunft zu fcpaffen,
wie einft die früpeften Künftler der Cpriften an den Wänden der Katakomben.
Entfcpeidend für ipre Geftalt ift die Dynamik der künftlerifcpen Vipon. Sie pat zwei
einander völlig entgegengefetjte Möglicpkeiten: begeifterte Ekftafe und feelige Kon-
templation. Wie die antike Kultur wäprend der ganzen Dauer iprer Scpöpferkraft zu-
gleicp den dionypfcpen und den apollinifcpen Menfcpen befaß, den, der korybantifcp
jubelnd die fcpöpferifcpe Kraft der Gottpeit in pcp zu erfcpaffen begeprte, und den,
der orppifcp die Seligkeit erlebte, pcp in ipr als ewig zu füplen, reißen die Begeifterten
unter uns die Gottpeit ekftatifcp in ipr Fjerz, zeugen andere fie aus der Innigkeit ipres
Ergriffenfeins. 3u den erfteren gepört wie van Gogp Ludwig Meidner, zu den
letzteren Willy Jaeckel. * *
*
Willy Jaeckel, der 1888 in Breslau geboren ift, beginnt nacp dem üblicpen Studium
an den Akademien in Breslau und Dresden fofort mit der Löfung einer monumentalen
Aufgabe. Sein erftes Bild „Kampf“, 1912 entftanden, ift eine wandgroße Leinwand
voll nackter Muskelmenfcpen, die brüllend aufeinander einpauen. Nocp ift alles krampfpaft,
ift gewaltfames Drängen zum Monumentalftil: das Vollftopfen mit Menfcpenmaffen, mit
Muskeln, Gepcptern, Fjieben, Scpreien, und docp ift fcpon das Bedürfnis da, das Bild
von einer Mittelfigur aus zu gliedern, die Körper klar zu begreifen, freskopaft zu ver-
teilen. Nur das Bedürfnis — aber es fordert gebieterifcp die Gewipenpaftigkeit fyfte-
matifcper Klärung. Jedes Japr bringt ein neues Bild, eine neue Erkenntnis. Das ge-
waltfame Sucpen nacp gigantifcpen Stoffen verfcpwindet, die Stimmungen werden rupig,
faft idyllifcp, die 3aPl der Figuren im Bilde immer geringer, die Überfcpneidungen
pören auf und die Geftalten werden ßäcpiger. Es entftept nocp in demfelben Japre
das Bild „Dafein“. Menfcpen rupiger Exiftenz lagern fiep zu friespafter Rupe, zwei

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