Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Paare, auf breiter Fläche fo gruppiert, daß ißre Linien von den Stehenden am Rande
zu den Liegenden in der Mitte fließen, begleitet von den Fjügelwellen der Landfcßaft.
Die Kompofition, faft feuerbacßifcß zart, ift ein rßytßmifcßes Gleiten, das wie ornamental
ift und alle Figuren, die oßne Raumtiefe fcßeinen, fiel) unterwirft. Dann fetzt der Kampf
um die Form ftärker ein. „Liebespaar“ und „Familie“ von 1913, „Nacß der Geburt“
und „Medea“ von 1914, die „Loslöfung“ von 1915 find Bilder, in denen die feelifeße
Beruhigung der Inßalte Grundlage für die klare Erkenntnis der Bildgeftaltung wird.
Man kann [agen, daß der Sinn aller diefer öüerke ebenfo feßr in der Form, wie im
Stoff liegt. Jaeckel will nicßt nur malen, [ondern aueß wiffen. Er ftudiert Struktur,
3ug und Beugung der Muskeln, wie nur irgendein 3eicßner in feiner Akademie, be-
greift die GCIicßtigkeit, fie als räumlicße Formen in die Bildfläcße zu bringen, d. ß. fie
verkürzen zu können, und läßt jede Geftalt über ißre Grenzen ßinaus im Raum die
Gruppe fordern. Formal bedeuten diefe Bilder die Aufgabe, zwei Figuren fo neben-
einander zu ftellen, daß eine Profil-Figur fieß mit einer Enface-Figur verfeßraubt, zwei
ßintereinandergeftellte Enface-Figuren pcß zur Einßeit fügen, zwei Profil-Figuren fieß
voneinander loslöfen, und das Problem der „Medea mit dem Kinde“ ift feßließließ das
Madonnenproblem Verroccßios. Nicßt fo, daß jede Erkenntnis gleicß endgültig ge-
wonnen wäre. Diefe Gruppenbildungen ßaben ißn lange befcßäftigt, dasfelbe Problem
keßrt immer wieder, jedesmal klarer überfeßen, präzifer gelöft. Damals entfteßt eine
Serie von zeßn Radierungen, in denen Jaeckel unbewußt alle formalen Probleme des
jungen Micßelangelo noeß einmal für fieß löft; damals eine Serie von Studienblättern,
Frauenakte in wollüftigen Umarmungen, die im Grunde nur Bewegungs- und Gruppen-
probleme erörtern. Es ift bezeichnend, daß gerade diefe Blätter fcßnelle Skizzen find,
ißr Stricß von impreffioniftifeßer Sicßerßeit und malerifcßer Schnelle, erßafcßt im Brucßteil
einer Bewegung, im intereffanteften Augenblick. Jaeckel befißt diefe moderne Erregtheit
alfo, aber er liebt ße nicßt. Sie ift ißm nur Mittel, um fieß Momentanes anzueignen. Die
Forderung des Bildes lautet für ißn Ruße und Dauer, und wenn aueß einmal die Bewußt-
heit diefes Studiums eine Form kalt werden läßt, fo ift fie doeß aueß immer klar geworden.
Man kann das erfte Kriegsjaßr als den Dreßpunkt diefer Entwicklung anfeßen. Da-
mals entfteßen noeß einmal zwei Bilder von der brutalen Geftopftßeit des Anfangs,
„Sturmangriff“ und „Meuterei“, und die Mappe „Memento“ Kriegsvifionen voll Ver-
recken, Mord, Notzücßtigung, pßantaftifeßem Grauen. Eigentlich die modernen „Defaftres“,
die erfte Kriegserklärung an den Krieg von 1914. ünerßört mutvoll zwifeßen dem
„ftaatlicßerfeits gebilligten“ Fjurragefcßrei der anderen. Gerade ftille Naturen müffen
von der Erbarmungslofigkeit diefer brutalen Vernichtung fo überwältigt werden, daß
kein Gedanke an den Fjeroismus fie erßeben kann, aber, gepeinigt von den Leiden der
Menfcßen, werden fie naeß einer barmßerzigen Gottßeit fueßen, in deren Scßoß fie ßcß
flüeßten können. Es war eigentlich die ürangft der Kreatur, die die religiöfen Unter-
ftrömungen der 3^d entband. Aueß in Jaeckel ßat der Krieg Religion gezeugt, und
diefe Bilder des Kriegsgrauens find im Grunde ein Ende und kein Anfang.
Der ift da, fobald die religiöfe 3uPu(t)t gefunden ift, in den beiden Faffungen des
Sebaftianmartyriums, die in demfelben Jaßr entfteßen. Sie find die erften Bilder religi-
öfen Inhaltes, die Jaeckel malt, wenn aueß nicßt die erften von religiöfem Gefüßl. Noeß
ift meßr vom pßyfifcßen Scßmerz des von Pfeilen zerfetzten Leidenden darin, als von
der Gottfeligkeit des Blutzeugen, noeß ift das Formproblem fo wießtig, wie die Ge-
finnung. ÜLIie der junge Dürer fießt Jaeckel im Sebaftian die Möglichkeit, das Funktio-
nieren eines nackten Körpers klarzuftellen, der keinen Stützpunkt ßat, fondern nur
einen Aufßängungspunkt. Er geßt darin ganz fyftematifcß vor. Baumelte in der erften

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