Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Die expreffioniftifche Methode1 von oeorg marzynski


i.

Da der Expreffionift Objektivikationen des Subjekts erftrebt, fo muß er offenbar die
malerifcßen Darftellungsmittel in einer ganz anderen QUeife verwenden als die
frühere Kunft. Für die imitative Malerei ift an den Malpigmenten zweierlei
wichtig: ihre Ähnlichkeit mit den Naturfarben und die Möglichkeit, durch die flächige
Ausdehnung der Farbßecke und durch deren ümriffe Gegenftände anzudeuten. Den
Expreffioniften hingegen intereffiert an der Farbe vor allem das, was Goethe ihre
pnnlid)-pttlid)e ttlirkfamkeit genannt hat. Der Anblick von Farben und Farbzufammen-
ftellungen ruft eigentümliche, feelifche Erregungen hervor, auch ohne daß die Farbgeftalt
an irgendwelche Naturgeftalten erinnert. Das gleiche gilt von den fd)warz-weiß Flächen
und ebenfo, ja im höhnen Grade, wird die Seele vom Schwung einer Kurve, von dem
3ufammenfließen und Auseinanderftrahlen der Linien erregt. Qm diefer „finnlich-fitt-
lichen“ dirkung willen verwendet der Expreffionift die Malmittel, welche der früheren
Kunft bloße Mittel der Naturwiedergabe oder -darftellung waren. Mit diefem leisten
Salj ift freilich fd)on zuviel gefagt; denn auch die frühere Kunft war nicht blind für
die feelifchen dirkungen der Farben und Linien. Aber erft für den Expreffioniften
werden diefe Wirkungen zum eigentlichen Grund dafür, daß er überhaupt mit Farben
und Linien abeitet. Der Expreffionismus, wenigftens in feiner radikalen Form, ift eine
Art optifcher Kontrapunktik, da er es verpacht, aus Farben und Formen, fozufagen
abftrakt, ein Kunftwerk aufzubauen.
Doch damit ift bloß eine Richtung in der expreffioniftifchen Kunftbewegung gekenn-
zeichnet. Die meiften Expreffioniften denken gar nicht daran, die Relation zwifchen
Bildinhalt und Natur völlig zu durchfchneiden. Es ift eben noch nichts damit getan,
wenn man einpeht, daß nur die Mupk reine oder autonome Kunft ift, und wenn man
daraufhin die „Mufikwerdung“ aller Künfte verlangt. Diefe Einpeht mag durchaus richtig
fein, fo bliebe es noch immer fraglich, ob es überhaupt möglich wäre, ihr zu folgen,
ob das aufgeftellte Programm auch praktifd) durchführbar wäre, ünd in der Cat ift es
nicht fchwer, die ünmöglichkeit der Ausführung nachzuweifen. Man braucht nur an
den unvergleichlichen Reichtum der Klangkombinationen, an ihre außerordentliche Ein-
dringlichkeit zu erinnern, die weit über alles hinausgehen, was mit malerifchen Mitteln
erreichbar wäre. Die Propheten der „optifdjen Mufik“ machen fiel) die Arbeit ein wenig
leicht, wenn pe alle diderftände gegen ihre Beftrebungen auf den 3wang der langen,
naturaliftifdjen Cradition fdjieben, wenn fie meinen, es handle pd) bloß darum, eine
feelifcße Crägheit zu überwinden. das ihnen entgegenfteht, pnd in Klarheit unüber-
windliche, pfychologifd)e Gefetjmäßigkeiten, die einfache, durch nichts fortzufchaffende
Catfache der phänomenologifchen und emotionalen „Dürftigkeit“2 des optifchen Gebiets.
Ift eine optifche Mufik überhaupt möglich, dann pcherlid) nur in fehr engen Grenzen,
deren Innehaltung die Malerei zu einer ganz inferioren Kunftgattung herabdrückte.

1 Diefer Äuffalj enthält im wefentlichen das dritte Kapitel eines Buches, das unter dem Eitel „Die
Methode des Expreffionismus, Studien zu feiner Pfycbologie“, in den nädbften tüoeßen bei Klink-
ßardt & Biermann erfdjeinen wird. In dem zweiten Kapitel war dargeftellt worden, daß der Expreffio-
nismus kiinftlerifcher Ausdruck einer beftimmten Pbilofopßie ift. Im folgenden wird nun gezeigt, wie ficb
diefe PhilOfophie eine Methode feßafft. Auf das Abbildungsmaterial mußte hier verzichtet werden.
2 Das Hlort cum grano salis verftehen!

Der Cicerone, XII. Jal)rg., geft 13

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